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Großartiges VerwirrspielVom iranischen Kino zu sprechen und von der Politik zu schweigen – das ist derzeit ein Ding der Unmöglichkeit. Und so ließen der iranische Altmeister Abbas Kiarostami und seine Hauptdarstellerin Juliette Binoche 2010 schon in Cannes, wo „Die Liebesfälscher“ zum ersten Mal gezeigt wurde, keine Gelegenheit aus, gegen die Haftstrafe von Kiarostamis Regiekollegen Jafar Panahi zu protestieren. Das heißt jedoch nicht, dass alle iranischen Filme explizit politisch sein müssen. Kiarostami zum Beispiel, dessen neuester Film im Iran verboten wurde, beschäftigt sich mit einem privaten, universellen Thema: den ewigen Missverständnissen zwischen Mann und Frau. Anzeige Angeblich soll die „Art der Kleidung“ von Juliette Binoche im Film der Grund für das Verbot gewesen sein. Das klingt irgendwie vorgeschoben, denn nach westlichen Maßstäben sind die gewählten Kostüme alles andere als freizügig. Immerhin spielt die Handlung an einem Sommer-Sonntag in der Toskana. Vielleicht war es allein die heitere, sinnenfrohe und lebensbejahende Tonlage dieses Beziehungsdramas, die den Sittenwächtern zu weit ging. Klar scheint jedenfalls: „Die Liebesfälscher“ ist Kiarostamis europäischster und zugänglichster Film. Eine Perle des Autorenkinos. Im Original lautet der Filmtitel „Copie conforme“, genau wie das (fiktive) Buch, das der Kunsttheoretiker James Miller (Opernstar William Shimell in seiner ersten Kinorolle) geschrieben hat. Bei einem Vortrag in der Toskana lernt er die Antiquitätenhändlerin des Ortes (Juliette Binoche) kennen, deren Namen im Film nicht genannt ist. Die beiden sind neugierig aufeinander, scheinen aufgeschlossen für einen Flirt oder auch nur einen interessanten Nachmittagsausflug. Wenig spricht anfangs dafür, dass sie sich schon einmal getroffen haben. Das ändert sich, als sie in einem Café für Mann und Frau gehalten werden. Die beiden beginnen ein Spiel und tun so, als würden sie sich seit 15 Jahren kennen und hätten zusammen einen pubertierenden Sohn. Aber ist das wirklich nur eine Fiktion? Legte der Film nicht vorher schon Spuren zu einer gemeinsamen Vergangenheit? Das lässt sich nicht entscheiden, es gibt Hinweise für unterschiedliche Annahmen. Statt dessen beginnt mit dem Handlungsumschwung eine für Kiarostami nicht untypische Reise in das Reich der Zweideutigkeit, die offenbar ihre Rätsel gezielt bewahren soll. Wohl weniger aus Spielerei, sondern weil das Leben und vor allem die Liebe aus Sicht des filmischen Dialektikers Kiarostami von Widersprüchen geprägt sind, die nicht etwas Lästiges sind, das man loswerden müsste. Sondern die das Wesen und die Schönheit lebendiger Beziehungen prägen. Auch auf der ästhetischen Ebene lehnt Kiarostami eindeutige Festlegungen ab. Und so ist sein Film Kammerspiel und Roadmovie zugleich, am schönsten sichtbar in einer Szene, als die beiden aus der Stadt herausfahren. Die Kamera zeigt einerseits die beiden Protagonisten, eingezwängt auf engem Raum in einem kleinen Wagen. Aber sie spiegelt zugleich die Schönheit der Gassen in den Scheiben und sie schaut zwischen den beiden durch die Heckscheibe hinaus auf das Leben der Straße und später auf die sonnendurchflutete Landschaft. Dadurch feiert der oft dialoglastige Film zugleich die Sinnlichkeit der Toskana. Man schmeckt förmlich den Wein, riecht den Kaffe und spürt die Sonne auf der Haut. Das eigentliche Ereignis des Films ist aber – ohne die Leistung von William Shimell zu schmälern – Juliette Binoche. Sie spielt, als müsste sie alle Frauen dieser Welt auf einmal verkörpern, mal gereizt und verärgert, mal traurig und nachdenklich, dann wieder spontan und kindlich. Es ist ja nicht das erste Mal, dass diese Schauspielerin Kinogeschichte schreibt, man denke nur an „Drei Farben Blau“ von Kieslowski oder an „Chocolat“ von Lasse Hallström. Aber hier hat sie sich noch einmal selbst übertroffen. In Cannes bekam sie für ihre Rolle in „Die Liebesfälscher“ den Preis der besten Hauptdarstellerin. Peter Gutting |
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