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Huhn mit Pflaumen

Optisches Feuerwerk

Die Geschichte ist traurig, aber die Inszenierung ist eine Hommage an das Leben, die Kunst und die Fantasie: Ein Mann beschließt zu sterben und lässt in den letzten acht Tagen sein Schicksal Revue passieren – in einer überbordenden Opulenz an lustigen, verspielten Szenen, die alle Register filmischer Stilmittel ziehen. Schon in ihrem Debüt „Persepolis“ hatte das Regieduo Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud die realistische Erzählung mit romantisch-poetischen Einstellungen verknüpft, die dem Animationsfilm über das autobiografische Schicksal der Exil-Iranerin Satrapi eine bewundernswerte Leichtigkeit verliehen. Ihr zweiter Film „Huhn mit Pflaumen“ reicht zwar nicht an den großen Wurf von „Persepolis“ heran. Trotzdem ist es ein sehenswerter Film mit einer deutlichen Verbeugung vor Federico Fellini, dem Altmeister des barock-fantastischen Bilderfeuerwerks.

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„Huhn mit Pflaumen“ hat einiges mit „Persepolis“ gemein, grenzt sich aber auch deutlich von dem Debüt ab. Die Ähnlichkeiten liegen im Schauplatz Iran und im familiären Hintergrund der Geschichte, die diesmal vom Schicksal eines Großonkels von Marjane Satrapi inspiriert ist, sodass die Filmemacher „Huhn mit Pflaumen“ als zweiten Teil einer Iran-Trilogie konzipiert haben. Außerdem basieren beide Filme auf gleichnamigen Buch-Comics. Aber die filmische Umsetzung unterscheidet sich. „Huhn mit Pflaumen“ ist keine reine Animation, sondern überwiegend mit Schauspielern gedreht. Außerdem ist der zweite Film nicht mehr so explizit politisch wie der erste. Und drittens greift „Huhn mit Pflaumen“ tief in die Trickkiste ganz unterschiedlicher Stilmittel, während „Persepolis“ von einem geschlossen (und höchst überzeugenden) ästhetischen Konzept getragen wurde.

Vielleicht hängt es mit der mehr privaten Story zusammen, dass „Huhn mit Pflaumen“ den eigentlich kitschigen und veralteten Stoff von den zwei unsterblich Verliebten, die an einem herzlosen Vater scheitern, so vielfältig bricht und verfremdet. Erzählt wird das Leben von Nasser-Ali (Mathieu Amalric), einem der besten Geiger seiner Zeit. Der ist mittlerweile unglücklich verheiratet und kann den Schmerz über die verlorene große Liebe zu Irane (Golshifteh Farahani) nur in seinem Spiel ausdrücken. Als seine Frau Faringiusse (Maria de Medeiros) die Violine bei einem der häufigen Ehestreits zerstört, geht auch Nasser-Alis Leben zu Bruch. Weil kein anderes Instrument die von seinem Lehrer geerbte Geige ersetzen kann, beschließt er zu sterben. Einfach so, an gebrochenem Herzen, ohne Hand an sich zu legen. Er legt sich ins Bett und wartet auf den Tod.

Dass dieser märchenhaft anmutende Selbstmord gelingt, daran lässt der Film mit einer kurzen Vorblende auf die Beerdigung keinen Zweifel. Spannung kann daraus also nicht entstehen. Sie entwickelt sich vielmehr aus den virtuos eingesetzten Zeitsprüngen – sowohl vor und zurück -, in denen Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud das Geheimnis hinter dem zunächst unverständlich erscheinenden Suizid Stück für Stück aufdecken werden. Sie lassen dabei ihrer Fantasie freien Lauf, greifen in jeder Episode zu einem neuen Stilmittel, mischen Realfilm mit Animation und Satire mit Tragik, legen einen märchenhaften Grundton an den Tag, lassen den Tod auftreten und schrecken auch vor Klischees nicht zurück. Dabei gelingen groteske Kabinettstückchen, aber manchmal fragt man sich auch, ob weniger nicht mehr gewesen wäre.

Zu den starken Momenten zählen die überwältigenden Gastauftritte von Isabella Rossellini als divenhaftes, wunderbar dominantes Muttertier und von Chiara Mastrioianni als famos verlebte, kettenrauchende und sich zu Tode trinkende Tochter von Nasser-Ali. Genauso sehenswert ist Mathieu Amalric in der Hauptrolle, der eine fein abgestimmte Mischung aus depressiver Todessehnsucht, kindlichem Staunen, gebrochenem Herzen, künstlerischem Ehrgeiz und einer Prise Wahnsinn auf die Leinwand zaubert. Eine Paraderolle für den viel beschäftigten Franzosen, der extreme Gegensätze zu einem Ganzen formt, als wäre es das Natürlichste der Welt.

Peter Gutting


"Huhn mit Pflaumen" von Marjane Satrapi
"Huhn mit Pflaumen" von Marjane Satrapi

Datum: 06.11.2011

Diskussion: "Huhn mit Pflaumen"

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