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In Darkness

Mitreißendes Überlebensdrama

Man könnte meinen, über den Holocaust sei alles gesagt. Und dann tauchen immer wieder neue Geschichten auf, die dem Terror der Nazis eine bewundernswerte Menschlichkeit entgegensetzen, einen kaum zu glaubenden Überlebenswillen in unvorstellbaren Zeiten. Die Geschichte des Polen Leopold Socha und „seiner“ Juden ist so ein Beispiel. Wüsste man nicht, dass sie wahr ist, würde man sie für eine irrwitzige Erfindung halten. Die polnische Regisseurin Agnieszka Holland („Hitlerjunge Salomon“) hat Sochas Schicksal, das in dem Buch „In The Sewers of Lvov“ von Robert Marshall dokumentiert ist, verfilmt. Es ist eine unter die Haut gehende Inszenierung, die den Vergleich mit Werken wie „Schindlers Liste“, „Das Leben ist schön“ oder „Der Pianist“ nicht zu scheuen braucht. Ein anrührender Film, der trotz all der zeitbedingten Schrecken ein Gefühl der Mitmenschlichkeit transportiert, ohne dabei sentimental zu werden.

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Leopold Socha (Robert Wieckiewicz) lebt im Jahr 1943 in der polnischen Stadt Lvov als Kanalarbeiter und Gelegenheitsdieb. Das lässt sich gut verbinden, denn die unterirdischen Abwassersysteme bieten gute Verstecke für die geklauten Sachen. Und Socha kennt sich dort aus wie kein anderer. Deshalb ist auch er es, der einer Gruppe von Juden begegnet, die dorthin fliehen, als die Nazis anfangen, das Ghetto zu räumen und seine Bewohner zu erschießen. Am Anfang ist es pure Gewinnsucht, die Socha veranlasst, die Juden nicht zu verraten. Unter ihnen ist neben dem mutigen Mundek (Benno Fürmann) das reiche Ehepaar Ignacy (Herbert Knaup) und Paulina Chiger (Maria Schrader). Socha wittert die Chance, ein Vermögen zu machen. Aber das Versteck ist keineswegs sicher, die Ereignisse überschlagen sich und Socha muss seine Vorurteile gegenüber den Juden überdenken.

Drehbuchautor David F. Shamoon und Regisseurin Agnieszka Holland leisten Großartiges, um dieses Drama atmosphärisch dicht, spannend und glaubwürdig zu erzählen. Die Figuren sind konsequent gegen das Gut-böse-Schema gebürstet, sie sind heldenhaft und schwach zugleich, zu übermenschlicher Solidarität fähig und gleichzeitig fürchterlich eigensinnig, besonnen und verzweifelt, gefasst und hysterisch. Wie orientierungslos und gefährdet sie sich fühlen müssen, spiegelt sich in einer ausgefeilten Hell-dunkel-Dramaturgie und in schnellen Schnittfolgen, die mit wechselnden Perspektiven den Zuschauer selbst zu einem unsicher tastenden Wesen machen. Selbst der Gestank der Fäkalien wird erlebbar gemacht – in dem Abscheu und dem Widerstand einiger jüdischer Frauen, die lieber den sicheren Tod oder das KZ wählen, als sich in das von Ratten wimmelnde Verlies zu begeben.

Wie in anderen Filmen der jüngsten Zeit, etwa „Die verlorene Zeit“ von Anna Justice, macht „In Darkness“ glaubhaft, dass es trotz des Terrors und der absoluten Ausnahmesituation auch so etwas wie ein „normales“ Leben während der Verfolgung gab, also Liebe, Eifersucht, Neid, aber auch mitmenschliche Urinstinkte, die offenbar selbst im puren Überlebenskampf nicht auszurotten waren.

Mit „Hitlerjunge Salomon“ hat Agnieszka Holland 1989 schon einmal eine Geschichte des Überlebens erzählt. Damals wurde sie mit dem „Golden Globe“ ausgezeichnet. „In Darkness“ geht als polnischer Beitrag für den besten fremdsprachigen Film ins Oscar-Rennen. Völlig zu Recht.

Peter Gutting


In Darkness - mitreißendes Holocaustdrama aus Polen
In Darkness - mitreißendes Holocaustdrama aus Polen

Datum: 11.12.2011

Diskussion: "In Darkness"

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