logo
Anzeige
Cineastentreff Kino Film Neue Platten - Musik News Kino Film Richard Ashcroft: Keys To The World
Richard Ashcroft: Keys To The World

Richard Ashcroft Keys To The World

Anzeige

 

Dass sich britische Musiker ab einer gewissen Größenordnung gerne mit Jesus vergleichen, haben wir begriffen. Das gehört zum guten Ton, ist so eine Art verbale Reviermarkierung im Pop-Shangri-La. Dass auch Richard Ashcroft, der spätestens seit seinem Durchs-Video-Rempeln im The-Verve-Hit "Bittersweet Symphony" gleichzeitig Pinup für eine denkende Girl-Generation und Role Model für den intellektuellen Britpopper von nebenan ist, den Ruhm für sich reklamiert, überrascht kaum. Jetzt hat er also die "Keys To The World", ist so etwas wie der universelle Schlüsseldienst. Nur halt nicht bei echten Schlössern, sondern bei Emotionen.

Der schlaksige Hausmeister der Herzen. Ein ausgesprochen vergnügliches Bild, das den ansonsten naturgemäß eher getragenen Gesamteindruck des dritten Solo-Albums doch so etwas wie ein Schmunzeln entgegenstellt.

Überraschen, das tut er sowieso. Ein bisschen variabler, ein bisschen verkratzter klingt seine Stimme, und schon der erste Track verlässt das Feld des epischen Pop, in dem man ihn ja eher vermutete. "Why Not Nothing" orientiert sich stattdessen am Northern Soul, kommt mit dicken Bläsern und groovigem "Keep on Running"-Beat, der freilich schon deutlich macht, dass er in der Jetztzeit stattfindet. Das verwundert kaum. Dass Ashcroft in Sachen Produktion durchaus interessiert an Dingen außerhalb des konventionellen Poprock-Kosmos ist, weiß man nicht erst seit seiner Zusammenarbeit mit James Lavelle auf dem U.N.K.L.E.-Projekt. Ashcrofts Begabung liegt nun darin, dass er trotzdem noch ein Ohr für die große Melodie besitzt, dass die Mittel, mit denen er arbeitet, immer nur Mittel zum Zweck sind.

Das Eigentliche, der Popsong, gerät also nie aus den Augen. Da ist zum Beispiel der Titeltrack. Hier verarbeitet Ashcroft Einflüsse aus dem Manchester der frühen 90er-Jahre, baut einen hypnotischen Beat, setzt Disco-Vocals und ein Klavier darüber und schafft so einen der wohl besten Tanzbodenkracher des Jahres. Dass er aber nach wie vor ein Meister der Gefühligkeit ist, zeigt das unmittelbar folgende "Sweet Brother Malcolm", eine ultra-reduzierte Kammerpop-Ballade. Die Breitwand, die folgt auf den Fuß: "World Keeps Turning" ist gepflegter Midtempo-Pop mit Streichern, klerikalen Tasteneinsatz und einem Refrain, der nicht weniger als den Himmel zu erreichen versucht. Dass Ashcroft sich hier, wie auch in den übrigen Songs, textlich durch allerhand diffus Esoterisches bewegt, nur wenig mitzuteilen hat, ist verzeihbar, zumal seine Stimme unmittelbarer denn je klingt. Er selbst redet gerne von Bob Dylan, wenn er über seine Einflüsse räsoniert. Und tatsächlich - in jenem Song meint man am Ende eine kurze, aber eindringliche Ähnlichkeit zu dessen "Like A Rolling Stone" herauszuhören. Und wenn mit "Why Do Lovers?" am Ende noch die Nummer-Sicher-Kuschelkeule ausgepackt wird, gehen nicht nur das denkende Girl und der intellektuelle Britpopper steil. Wer da nicht zumindest ans Weinen denkt, hat kein Herz. So einfach ist das manchmal in der Popmusik.

Jochen Overbeck


Datum: 17.02.2006

Facebook aktivieren

Diskussion: "Richard Ashcroft: Keys To The World"

Um eine Diskussion zu "Richard Ashcroft: Keys To The World" zu beginnen melden Sie sich bitte im Forum an. Wenn Sie noch nicht registriert sind, können sie sich jetzt registrieren um an den Diskussionen teilzunehmen.
Artikel ID 165021

Weitere Artikel, die Sie interessieren könnten:

    Eine Frau wie Romy
    Ein Gesicht, verschwommen hinter gewölbtem Glas, nur schemenhaft erkennbar, versetzte vergangene Woche eine ganze Nation ins Ratefieber. Ein Filmverleih spielte mit der Faszination am Spekulieren, die ...

    "Eine Frau wie Romy" kommt später
    Der Drehbeginn für die deutsch-französische Kinoproduktion "Eine Frau wie Romy" ist vom Juli 2008 auf das Frühjahr 2009 verschoben worden. Die Filmproduzenten und das Studio Warner hatten sich erst im ...

    Yvonne Catterfeld über ihre Kritiker
    "Ich habe einfach wieder Lust, ein bisschen anzugreifen", lacht Yvonne Catterfeld, und ein Blick aufs Fernsehprogramm der nächsten Wochen zeigt, was hinter dieser Ankündigung steckt. Es wird ein goldener ...


 
Anzeige
livedome
Konzert-DVD im Stream
Gentleman
Gentleman am 27.04. ab 20.00 Uhr als » Musikstream

Anzeige
.
Partner von Fantastic Zero


itemid = 74 - id = 908 - task = view - option = com_content - limitstart= 0