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Der Junge mit dem Fahrrad

Bezaubernder Minimalismus

Die Grundkonstellation erinnert ein wenig an ihr preisgekröntes Meisterwerk „Das Kind“: Ein Vater ist unfähig, seinen Sohn zu lieben. Aber der neue Film der belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne erzählt die Geschichte von der zerrissenen Bindung nicht aus der Perspektive des Vaters, sondern des Sohnes. Das tut er mit gewohnt minimalistischer Genauigkeit, die die Regisseure längst zum Markenzeichen verfeinert haben. Auch der neue Film liefert das, was man von einem Werk der Dardenne-Brüder erwartet: anrührenden Realismus mit poetisch verdichteten Szenen. Doch sie fügen ein neues Element hinzu: Noch nie schwang in einem Dardenne-Film ein so warmer Grundton mit, bei aller Rauheit der Oberfläche.

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„Der Junge mit dem Fahrrad“ ist der elfjährige Cyril (Thomas Doret). Der versteht die Welt nicht mehr, seit sein Vater (Jérémie Renier) das Versprechen gebrochen hat, ihn aus dem Erziehungsheim, wo er nur vorübergehend leben sollte, wieder abzuholen. Schlimmer noch: Der Vater hat seine Wohnung geräumt und dem Sohn keine neue Adresse hinterlassen. Auf seiner scheinbar aussichtslosen, aber höchst fiebrigen Suche trifft Cyril die Friseurin Samantha (Cécile De France). Sie nimmt den Jungen an den Wochenenden bei sich auf. Allerdings wohnt in dem Viertel auch der Drogendealer Wes, der in Cyril einen leicht zu manipulierenden Gehilfen für seine kriminellen Geschäfte sieht. Cyril fühlt sich hin- und hergerissen zwischen dem männlichen Vorbild und der Frau, die etwas von einer Märchenfee an sich zu haben scheint. Aber er kann nicht beides haben.

Wie „Das Kind“ (2005) und „Lornas Schweigen“ (2008) besticht „Der Junge mit dem Fahrrad“ durch einen schnörkellosen Erzählstil, der Sentimentalitäten genauso vermeidet wie moralisierende Wertungen. Paradoxerweise vermittelt sich die ethische Wucht des Stoffes dadurch umso eindringlicher – sie geht direkt unter die Haut. Die Kunst des Weglassens, die die Brüder Dardenne so perfekt beherrschen, lässt hinter ihrer realistischen Milieuschilderung eine zweite, poetisch verdichtete Ebene aufscheinen. Aus Alltag wird Drama, aus einem Einzelschicksal das universelle Thema zerrissener Bindungen.

„Halt mich gern fest, aber klammer‘ nicht so“, sagt Samantha bei der ersten Begegnung, als der fremde Junge auf der Flucht vor den Heimerziehern bei ihr Schutz sucht. Das ist einerseits der rein pragmatische Satz einer jungen Frau, die sich körperlich zu sehr bedrängt fühlt. Andererseits enthält die beiläufige Bemerkung das ganze Wunder der Begegnung zwischen Cyril und Samantha. Eine einfache Frau, die instinktiv und komplett pathosfrei das Richtige tut, nämlich dem verstörten Kind ein ausgewogenes Maß an Zuwendung und Orientierung zu schenken, allen Belastungsproben und Provokationen zum Trotz.

Es ist das erste Mal, dass die Dardennes, die gern auf unverbrauchte Gesichter setzen, mit einer bekannten Darstellerin wie Cécile De France zusammenarbeiten („Chanson d’Amour“, „Hereafter“). Auch das ein Paradox: Die Schauspielerin löst ihre Aufgabe gerade deshalb so bravourös, weil sie sich komplett zurücknimmt. Sie bietet keinerlei psychologische oder sonstige Erklärung für ihr außergewöhnliches Handeln an. Sie scheint einfach nur die ganz normale Frau von nebenan zu sein. Damit schafft sie Raum für Thomas Doret, den 13jährigen Jungschauspieler in seiner ersten Rolle. Sein ebenso trauriges wie entschlossenes Gesicht wird man wohl lange im Gedächtnis behalten.

Peter Gutting


Der Junge mit dem Fahrrad
Der Junge mit dem Fahrrad

Datum: 20.12.2011

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