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Salem Khalfani: Das Valencianische Wasser

Tragikomische Reise zur eigenen Identität

Wer bin ich? Und vor allem: wieso? Kann ich einfach die Identität eines anderen annehmen, ohne dieser andere zu werden? Wieviel trägt mein Name zu meiner Identität bei? In seiner Novelle „Das Valencianische Wasser“ geht der aus Iran stammende Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Salem Khalfani elementaren Fragen des Seins nach. Dabei gelingt ihm ein literarisches Kleinod auf höchstem Niveau.

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„Wenn ich mich jetzt an meinen Aufenthalt in Valencia erinnere, dann erinnere ich mich an Josef Nuri, der in den Straßen von Valencia bummelte, eine Straße nach der anderen, eine Gasse nach der anderen, in irgendeinem kleinen Restaurant das Mittagessen einnahm, eine Zigarette rauchte, dann wieder auf die Straßen hinausging, Richtung Zentrum. Er beobachtete die Menschen, die Valencianer mit Hunden, die Nicht-Valencianer, die Touristen, ohne. Dann kam er ins Hotel zurück, aß sein Abendessen, las eine Zeitung oder in seinem Buch, und dann schrieb er in sein Heft. Und daraufhin legte er sich schlafen. Das war Josef Nuri. Und da ich an der Stelle von Josef Nuri die Reise angetreten hatte, kann ich mit Sicherheit sagen: Das war ich.“

Aber ist das wirklich so? Den Namen des Ich-Erzählers erfährt der Leser nicht. Nur den Namen dessen, in dessen Identität er für drei Monate schlüpft: Josef Nuri. Durch Zufall erfuhr der Erzähler von Nuri, und dass dieser zwar einen dreimonatigen Aufenthalt im Hotel Kontinental in Valencia gebucht, die Reise aber nicht angetreten hat. Der Erzähler checkt im Hotel ein, als Josef Nuri, nutzt dessen Namen. Von Anfang an plagt ihn die Möglichkeit, alles könnte auffliegen. Hat ihn nicht eben der Kellner so seltsam angesehen?

Doch er geht noch weiter. Er kennt Josef Nuri nicht persönlich, nur vom Hörensagen. Also erfindet er ihn und schlüpft in diese Rolle. Er lernt den Philosophiestudenten Yokyo kennen und stellt sich als Josef Nuri vor, ebenso wie den beiden Frauen, mit denen er Affären eingeht: María und Encarna, deren Namen schon so mit Bedeutung aufgeladen sind, dass „Nuri“ misstrauisch werden könnte. Wird er nicht. Stattdessen schreibt er E-Mails, die er mit Josef Nuri unterzeichnet. Doch eines Tages gerät alles aus den Fugen. Im Hotel erhält er Briefe und Anrufe von Leila, der Tochter des echten Josef Nuri. Offenbar weiß sie nicht, dass ihr Vater nicht in Valencia ist. Und auch niemand sonst scheint zu wissen, wo er sich aufhält. Er scheint spurlos verschwunden zu sein. Und dann bricht der Kontakt zu den Liebschaften ab. Encarna ist Schauspielerin, in einer anderen Stadt wird ihr eine Hauptrolle angeboten. Und María? Der Erzähler versucht, sie anzurufen und ist sich sicher, ihre Stimme am Telefon zu erkennen, doch die Stimme sagt: „Ich kenne keine María“.

Schon nach wenigen Seiten entwickelt Khalfanis Novelle einen unglaublichen Sog, der den Leser nicht mehr loslässt. Die so eindeutige Frage nach der eigenen und der Identität der anderen zieht den Erzähler immer tiefer in einen Wahnsinnstrip hinein. An einer Stelle erzählt er, dass er Namen nie vergisst. Jeden Namen merkt er sich und erinnert sich an die Menschen. Doch was sind schon Namen? Benutzt er selbst, der Namenlose, nicht gerade den Namen eines anderen? Und vor allem: Wer ist dieser andere?

Diese tragikomische, zutiefst philosophische und bisweilen verstörende, dabei hochspannende und in einer enorm präzisen Sprache erzählte Geschichte ist ein kleines literarisches Juwel. Man kann ihm nur wünschen, dass es bald von einem größeren Publikum entdeckt wird.

Gerrit Wustmann


Salem Khalfani: Das Valencianische Wasser (Sujet Verlag, Bremen)
Salem Khalfani: Das Valencianische Wasser (Sujet Verlag, Bremen)

Datum: 28.12.2011

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