Gérard Jugnot

Vom Leben in seiner vollen Wucht

Schauspieler Gérard Jugnot

(tsch) Als Monsieur Mathieu brachte er schwer erziehbare Jungs zum Singen und verlieh so seinem Namen auch international Klang und Gewicht. Gérard Jugnot zählt seit Jahrzehnten als Schauspieler und Regisseur zu den größten Stars in Frankreich. Dort fiebert man auf die Wiedervereinigung der Darsteller der kultigen "Les Bronzés"-Filme hin. Darunter sind Jugnots Schulkameraden Thierry Lehermitte und Christian Clavier, mit denen er gerade nach 20 Jahren einen dritten Teil dreht. Mehr jedoch als der krachende gehört der bittersüße Humor zu den Spezialitäten des 54-jährigen Franzosen. Unangenehme Wahrheiten verpackt er gerne in ein Lachen, so auch in seiner Regiearbeit "Boudu" (Kinostart: 28.07.). Hier sorgt Gérard Depardieu als Quälgeist für Durcheinander im bürgerlichen Leben eines Galeristen, gespielt von Gérard Jugnot. Was "Boudu" mit Frankreich gemeinsam hat und warum Lachen wichtig ist, verrät Gérard Jugnot im Interview.

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teleschau: Boudu ist vulgär und penetrant, aber auch verführerisch und jungenhaft charmant. Mit seinem gewöhnungsbedürftigen Verhalten erobert er am Ende die Herzen der Zuschauer. Wie stehen Sie zu dieser Person?

Gérard Jugnot: Für mich ist er irreal wie ein Engel. Im Film trifft er auf eine blockierte Situation. Die Menschen, bei denen er sich einquartiert, sind in ihrer Arbeit, Liebe und Fortpflanzung steril geworden. Für mich ist er wie das Leben in seiner vollen Wucht - eben auch mit all seinen brutalen und kaum zu ertragenden Seiten. Ein frischer Wind.

teleschau: Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Hauptdarsteller Gérard Depardieu und Boudu?

Jugnot: Er war einfach der Richtige für diese Rolle. Gérard Depardieu hat auch eine unerträgliche Seite und kann sich aufführen wie ein verwöhntes Kind. Gleichzeitig steht er für Poesie, Humor und gibt alles in seinem Spiel.

teleschau: Was bedeutet es für Sie als Regisseur, mit einem wie ihm zu arbeiten?

Jugnot: Ich hatte keinerlei Bedenken, denn ich war ja mit ihm als Schauspieler auf dem Schlachtfeld, wir saßen im selben Boot. Außerdem habe ich schon viel mit Kindern gearbeitet und er ist ähnlich. Mit ihm zu drehen ist nicht komplizierter als mit einem Achtjährigen. Im Ernst, obwohl er schon so viele Filme gemacht hat, konnte er uns erstaunen. Er schafft es, wieder einmal anders und originell zu wirken. Das ist das Privileg der ganz Großen, sie überraschen immer wieder. Allerdings ist er auch eine Schauspiel-Ikone, die sich schnell langweilt oder mal faul ist. Es lief jedoch alles sehr gut, wir lachten viel. Und das, obwohl er während der Dreharbeiten einen Motorrad-Unfall hatte und mit doppeltem Beinbruch weiterarbeitete. Er hat gelitten, doch Gérard liebt das Spielen, ebenso wie er es liebt, den Leuten Angst zu machen, amoralisch zu sein und unhöflich.

teleschau: Jean Renoirs erste Verfilmung und das Theaterstück von René Fauchois spielen in Paris. Warum haben Sie die Handlung nach Aix-en-Provence verlegt?

Jugnot: Mein Film ist inspiriert vom Theaterstück, ich habe das Thema und die Personen übernommen. Meine Version des Stoffs sollte aber weicher sein. Mehr Humor und Ästhetik stutzen dem allzu Finsteren die Krallen. Da passt die schöne Künstlerstadt Stadt Aix-en-Provence gut. Der Film sollte schön sein wie ein Bild von Cézanne. Ich selbst bin ein Maler, der es aber nicht schafft zu malen. Außerdem findet man dort diese besondere Mischung chicer Bourgeois-Bohémiens. Leute, denen in Wahrheit zwar die linke Gesinnung fehlt, aber nicht das Geld. Ich kenne solche Menschen und lasse auf sie einen unzivilisierten Psychoanalysten los: das wahre Leben.

teleschau: Eine Begegnung mit Boudu ist also heilsam?

Jugnot: Sie ist ermüdend wie das Leben. Ich bin wie viele Komödianten manchmal depressiv und ängstlich, aber das Leben, diese vitale Kraft, heilt mich immer wieder.

teleschau: Der weise Clochard, der den Bürgern den Spiegeln vorhält, ist eine typische Figur für Frankreich ...

Jugnot: Er ist sehr französisch, weil er ein Anarchist und unerträglich ist. Er hat positive und negative Seiten - ein wenig wie Frankreich momentan in Europa. Ich hoffe, dass unser Verhalten positiv aufgenommen wird und wir nicht als Idioten rüberkommen. Aber die Konfrontation mit Gegensätzlichem hilft oft, persönlich weiterzukommen. Das habe ich auch im privaten Leben gemerkt.

teleschau: Was für ein Publikum wünschen Sie sich für den Film?

Jugnot: Alle, die darüber lachen können, wenn die Bourgeoisie von einem Vertreter der Straße aufgemischt wird. Ich will amüsieren und die Augen öffnen für Dinge, aber immer ganz human. Ich lache nicht über, sondern mit den Menschen, schließlich gehöre ich auch selbst zu den Leuten, über die ich mich lustig mache.

teleschau: Sie haben in über 70 Filmen mitgespielt, und viele ihrer Rollen waren komischer Art. Was bedeutet Ihnen die Komödie?

Jugnot: Sie ist für mich eine Rettung vor Ängsten und Sorgen. In der Komödie lässt sich von schweren Dingen leicht sprechen. Tod, Krankheit und Unglück erscheinen weniger schlimm und weniger schwer zu ertragen. Sie ist ein Vitamin. Lachen verändert das Leben nicht, aber macht es leichter weiterzumachen. Es ist eine Form von Höflichkeit, Dinge mit einem Lachen zu sagen und fröhlich zu sein.

teleschau: Könnte das auch Ihr Lebensmotto sein?

Jugnot: Auch wenn ich düstere Gedanken habe, versuche ich lustig zu sein und vom Leben zu profitieren. Eigentlich bin ich nicht witziger als andere, aber es ist eben meine Aufgabe, vor der Kamera Blödsinn zu machen. Ich habe das Glück, im Leben alles tun zu dürfen, was mich interessiert. Da muss ich mich in den Ferien nicht austoben. Ich kann im Süden einfach ausspannen, kochen und Boot fahren und dabei den Kopf frei kriegen und neue Kräfte sammeln.

teleschau: Erfolgsdruck ist kein Thema mehr für Sie?

Jugnot: Meine Karriere läuft gut, ich kann ganz entspannt mit den alten Freunden einen neuen "Les Bronzés"-Film drehen. Wir haben einfach Spaß. Was daraus wird, zeigt sich. Ein Radsportler sagte einmal: "Wer ein Rennen gewinnt, bekommt viel Geld. Wer aber fährt, um Geld zu bekommen, gewinnt nicht." Erfolg kommt, wenn man leidenschaftlich dabei ist.

teleschau: So wie bei "Die Kinder des Monsieur Mathieu"?

Jugnot: Der Film war auf dem Papier nicht auf den großen Erfolg ausgelegt. Der kam überraschend. Andere kalkulierte Produktion floppen dagegen. Im Kino machen wir Prototypen. Man weiß nie, ob es läuft. Die Begeisterung für diesen Film hat mein Leben verändert, auch in Frankreich. Allerdings gab es auch viel Neid, der Erfolg anderer wird bei uns nicht sehr geschätzt. Doch ohne den Bekanntheitsgrad, den ich mit "Die Kinder des Monsieur Mathieu" international erreicht habe, hätten wir heute kein Interview geführt.

Diemuth Schmidt

Wertung
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Regisseur, Autor und Hauptdarsteller in Personalunion: Gérard Jugnot.
Regisseur, Autor und Hauptdarsteller in Personalunion: Gérard Jugnot. (Concorde)
Boudu (Gérard Depardieu, links) und Christian (Gérard Jugnot) drehten gemeinsam "Boudo".
Boudu (Gérard Depardieu, links) und Christian (Gérard Jugnot) drehten gemeinsam "Boudo". (Concorde)
Boudu (Gérard Depardieu, oben) bedankt sich überschwenglich bei seinem Retter Christian (Gérard Jugnot).
Boudu (Gérard Depardieu, oben) bedankt sich überschwenglich bei seinem Retter Christian (Gérard Jugnot). (Concorde)

Datum: 23.07.2005

Diskussion: "Gérard Jugnot"

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