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Der Schnee am Kilimandscharo

Berührende Reflexion über die Kultur der kleinen Leute

Es ist kaum zu übersehen: Die Altmeister des Sozialrealismus schlagen immer häufiger einen märchenhaften Ton an. Bei „Der Junge mit dem Fahrrad“ der Brüder Dardenne war das so, aber auch bei „Le Havre“ von Aki Kaurismäki oder „Another Year“ von Mike Leigh, die allesamt zu den Höhepunkten des Kinojahres 2011 zählen. Nun kommt der neue Film des Franzosen Robert Guédiguian in die Kinos (am 15. März), der hierzulande vor allem durch „Marius und Jeannette“ bekannt wurde. Das ist nun schon 15 Jahre her. Dem neuen Werk wäre zu wünschen, dass es an diesen Erfolg anknüpfen kann. Denn der optimistische Grundton, den „Der Schnee am Kilimandscharo“ mit den anderen Filmen teilt, macht ihn zu einer berührenden Reflexion über den Stellenwert von Freundschaft und Solidarität in einer zerfallenden Gesellschaft.

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Das Ehepaar Michel (Jean-Pierre Darroussin) und Marie-Claire (Ariane Ascaride), von dem Guédiguian erzählt, hat große Ähnlichkeit mit Tom und Gerri aus „Another Year“: zwei Menschen, die ihren Platz im Leben gefunden haben und ein kleines Glück zu genießen wissen. Was für ein Typ Michel ist, erfahren wir gleich in den ersten Einstellungen. In seiner Firma in Marseille müssen 20 Hafenarbeiter entlassen werden, um die restlichen Arbeitsplätze zu retten. Michel hat sich als aktiver Gewerkschafter dafür stark gemacht, dass die „Opfer“ ausgelost werden. Dabei hat er Pech und verliert selbst seinen Job. Sein Freund erklärt ihn für verrückt, denn als Gewerkschafter hätte Michel gar nicht an der Verlosung teilnehmen müssen. Aber eine Extrawurst kommt für den Mann Mitte/Ende 50, der nun unfreiwillig in die unbezahlte „Frühpension“ schlittert, nicht infrage.

Zwar hadert Michel mit dem plötzlichen Macht- und Statusverlust. Aber er erlebt auch zufriedene Phasen, nicht zuletzt, weil er mit sich und seiner Wertewelt im Reinen ist. Das ändert sich, als Michel und Marie-Claire Opfer eines brutalen Raubüberfalls werden. Vor allem deshalb, weil der später gefasste Täter es völlig okay findet, dem verdienten Gewerkschafter etwas von seinem bescheidenen Wohlstand abzuknöpfen. Und weil er die Weltanschauung des Älteren frontal infrage stellt.

Um einen knallharten gesellschaftspolitischen Konflikt geht es hier also. Aber Robert Guédiguian (Jahrgang 1953) versteht es, die Auseinandersetzung zwischen Gewerkschaftern und jungen, unorganisierten Arbeitern in ein individuelles Schicksal einzuflechten, das so glaubwürdig ist, dass es auch für sich stehen könnte.

Schon die ersten Streifzüge durch ein erstaunlich beschauliches Marseille machen klar, dass es hier nicht um eine triste Milieustudie geht. In einer Hommage an seine Heimatstadt feiert der Regisseur das Leben am Meer, eingefangen in sommerliche Bilder einer zurückhaltenden, einfühlsamen Kamera. Er spiegelt darin eine bedrohte Kultur der „kleinen Leute“, die gerade dadurch zu neuem Leben erwacht, dass sie Abschied von heldenhaften, sich für etwas Besseres haltenden Weltverbesserern nimmt. Obwohl fest in der Gewerkschaftstradition verankert, beweisen Michel und Marie-Claire ihre Moral gerade dadurch, dass sie sich anderen Lebensentwürfen stellen, selbst wenn sie sie für verwerflich halten. Natürlich grenzt solche Offenheit an ein Wunder. Aber ohne Märchen ist die Realität eben weder auszuhalten noch kinogerecht zu beschreiben.

Peter Gutting


Datum: 13.01.2012

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