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Die Summe meiner einzelnen Teile

Sensible Seelenerkundung

Für Hans Weingartner schließt sich ein Kreis: Elf Jahre nach „Das weiße Rauschen“ hat der studierte Neurowissenschaftler wieder einen Film über einen psychisch Kranken gemacht. Seine Fallstudie kommt zur rechten Zeit, denn „Burn-out“ ist fast schon ein Modethema geworden. Weingartners sensible Seelenerkundung vermeidet diesen Begriff. Doch es ist klar, dass sein Protagonist dem Druck der modernen Arbeitswelt nicht mehr gewachsen ist.

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„Die Summe meiner einzelnen Teile“ handelt von dem Mathematiker Martin Blunt (Peter Schneider), der offensichtlich bis vor Kurzem gut zurechtkam mit Job und Privatleben. Doch irgendein Vorfall – wir erfahren nicht, was – führte zu seiner Einweisung in die Psychiatrie. Als er wieder rauskommt, ist alles anders: Job weg, Freundin weg, Wohnung weg. Martins Weg scheint unaufhaltsam in den Abgrund zu führen. Doch dann trifft er in einem Abbruchhaus Viktor (Timur Massold) einen zehnjährigen Jungen aus der Ukraine. Der spricht zwar wenig deutsch, versteht den Älteren und dessen elementare Nöte aber bestens. Zunächst aus purer Alternativlosigkeit, dann aber mit wachsender Lust fliehen die beiden in den Wald. Dort bauen sie ein kleines Paradies auf, abseits von Krach und Hektik der Großstadt – eine selbstbestimmte, freie, entschleunigte Existenz. Doch das Glück währt nur so lange, bis ihnen die Staatsgewalt auf die Schliche kommt.

Schon allein die Farben markieren die Wechsel: hier die tristen, kalten, graublauen Steinwüsten, dort der lichte, ergrünende, märchenhafte Wald. Die Szenen der beginnenden Freundschaft zwischen Martin und Viktor zählen zu den stärksten des Films. Hier konzentriert sich Weingartner ganz auf den Heilungsprozess, den Peter Schneider genauso glaubwürdig darstellt wie zuvor den Zerfall von Martins Persönlichkeit. Ähnlich wie bei Daniel Brühl, der im „Weißen Rauschen“ (2001) noch weitgehend unbekannt war, ist es Hans Weingartner erneut gelungen, den bisher noch in der zweiten Reihe agierenden Peter Schneider zu großer Form auflaufen zu lassen.

Parallel zu der individuellen Geschichte schildert Weingartner die gesellschaftliche Ausgrenzung von psychisch Kranken. Egal, ob bei seinem Arbeitgeber, bei seiner Freundin, bei seinem Vater, der Polizei oder dem Gerichtsvollzieher – überall wird Martin Opfer einer gnadenlosen Maschinerie, die alles aussortiert, was nicht funktioniert. Das mag realistisch und gut recherchiert sein, aber es tut dem Film nicht gut. Hans Weingartner ist mit dem „Weißen Rauschen“ eine bewegende Fallstudie gelungen und er hat mit „Die fetten Jahre sind vorbei“ (2004) und „Free Rainer – Dein Fernseher lügt“ seinen ganz eigenen gesellschaftskritischen Stil gefunden. Aber mit der „Summe meiner einzelnen Teile“ will er beides zugleich und bleibt auf halber Strecke stehen. Die Fallstudie leidet unter den Bemühungen des Drehbuchs, noch einen zusätzlichen gesellschaftskritischen Erzählstrang, etwa in der Figur der Zahnarzthelferin Lena (Henrike von Kuick) unterzubringen. Und die Gesellschaftskritik wird gebremst durch die im Prinzip lobenswerte Offenheit, die Weingartner dem Zuschauer bei der Frage lässt, ob er Martins Wahrnehmung von Viktor für real halten soll. Oder ob die Deutung der Psychologin etwas für sich hat, dass Martin mit dem Jungen sein eigenes „inneres Kind“ herbeifantasiert – und er damit noch lange nicht so gesund ist, wie er glaubt.

Dennoch: Wieder einmal ein brisantes Thema aufgegriffen und auf unverwechselbare Art umgesetzt zu haben, das ist Hans Weingartner hoch anzurechnen. Von den Regisseuren, die sich explizit politisch mit aktuellen Fragen auseinandersetzen, haben wir schließlich nicht so viele.

Peter Gutting


Die Summe meiner einzelnen Teile
Die Summe meiner einzelnen Teile

Datum: 20.01.2012

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