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Ali Ghazanfari: Die Pappenschläfer

Verloren in Teheran

Iran ist wieder einmal in den Schlagzeilen. EU und USA verhängen Sanktionen, Obama schließt militärische Schritte nicht aus, Ahmadinejad droht, wichtige Öltransportwege zu blockieren. Weltpolitischer Irrsinn as usual. Zugleich erscheinen in Deutschland zunehmend mehr Werke von iranischen Autoren und lenken die Aufmerksamkeit der Leser auf ein vielschichtiges Land, das unter den Machtbestrebungen des islamistischen Regimes ebenso leidet wie unter den Attacken von außen. Das neuste Werk ist der Roman „Die Pappenschläfer“ von Ali Ghazanfari, der zuvor bereits mehrere Lyrikbände auf Farsi und Deutsch veröffentlicht hat.

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Sadegh ist gerade achtzehn geworden, hat das Abitur in der Tasche und möchte raus aus der Enge seines kleinen Dorfes. Mit dem Segen seiner Eltern zieht das Landei in die Millionenstadt Teheran und verdingt sich dort als Taxifahrer. Obwohl er schnell Anschluss findet, ist das Leben m urbanen Raum doch erstmal verwirrend für ihn. Er beißt sich durch, verliebt sich n Sara, die Tochter seines Chefs, und versucht, sich der Annäherungsversuche von Frau Dr. Sorur zu erwehren. Diese könnte seine Mutter sein, ist unzufrieden mit ihrer Ehe und sucht nach Abwechslung. Soviel Freizügigkeit ist zuviel für Sadegh, der in einer einfachen und gottesfürchtigen Familie aufgewachsen ist. Er glaubt unbeirrt an das Gute im Menschen, muss aber eingestehen, dass die Realität doch anders aussieht.

Eines Tages läuft ihm der Obdachlose Omid vors Auto. Sadegh will ihn nach Hause bringen und muss erfahren, dass Omid unter einer Brücke haust, zusammen mit drei Freunden: den Pappenschläfern. Sadegh will ihnen helfen und erfährt schnell, dass das gar nicht nötig ist. Die Pappenschläfer sind zufrieden. Sie führen ein bescheidenes Leben, das aufs Wesentliche beschränkt ist. Doch unter der Oberfläche brodelt es. Omid erzählt Sadegh in einer langen Nacht seine Lebensgeschichte, erzählt vom zerrütteten Elternhaus, vom Tod der Mutter, von verpassten Chancen und vom Zweifel an Gott.

Während Sadegh von der Güte Gottes überzeugt ist, stellt sein Freund Omid vor dem Hintergrund seiner Lebenserfahrung die Theodizeefrage – mitten in einem Staat, dessen radikale Regierung sich auf Gott beruft. Es geht aber auch um das Erwachsenwerden, um die Beziehung zwischen Eltern und Kindern und um die ideologischen und gesellschaftlichen Fallstricke auf dem Weg in ein eigenständiges Leben.

Ein rasanter Roman über Freundschaft, das Erwachsenwerden und den Zusammenprall von Tradition und Moderne vor der Kulisse der iranischen Millionenmetropole Teheran. Absolut lesenswert!

Gerrit Wustmann


Ali Ghazanfari: Die Pappenschläfer (Engelsdorfer Verlag 2012)
Ali Ghazanfari: Die Pappenschläfer (Engelsdorfer Verlag 2012)

Datum: 22.01.2012

 

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