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Michael

Gelungener Drahtseilakt

Wenn Erwachsene Kinder jahrelang einsperren und sexuell missbrauchen, dann ist das regelmäßig ein gefundenes Fressen nicht nur für die Boulevardpresse. Offensichtlich möchten viele Menschen wissen, wie so etwas möglich ist. Allerdings nur, wenn sichergestellt bleibt, dass die Täter einzig und allein als „Monster“ beschrieben werden. Anzuerkennen, dass es sich um schwer gestörte Menschen handelt, die diese Taten begehen, das ist schwer auszuhalten. Der Österreicher Markus Schleinzer mutet dem Zuschauer in seinem Spielfilmdebüt (Kinostart: 26. Januar) diesen Schmerz zu – in einem waghalsigen, aber am Ende gelungenen Drahtseilakt. Beim Max-Ophüls-Festival 2012 gewann „Michael“ den Hauptpreis und Michael Fuith wurde als bester Nachwuchsdarsteller ausgezeichnet.

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Der Regisseur und langjährige Castingdirektor (unter anderem für Michael Haneke) erzählt eine fiktive Geschichte. Aber da sie in Österreich spielt, ruft sie unvermeidlich Erinnerungen wach, etwa an den Täter Josef Fritzl oder – in dem anderen spektakulären Fall – an das Opfer Natascha Kampusch. Um die Glaubwürdigkeit seines Drehbuchs prüfen zu lassen, hat Schleinzer die Gerichtspsychiaterin Dr. Heidi Kastner zurate gezogen. Sie hat unter anderem Josef Fritzl begutachtet.

Schleinzers Geschichte handelt von dem 35jährigen Michael (Michael Fuith), einem Versicherungsangestellten, der pädophil ist und den zehnjährigen Wolfgang (David Rauschenberger) im ausgebauten Keller seines Hauses gefangen hält. Michael mag zwar seinen Arbeitskollegen ziemlich verklemmt, eigenartig und spießig vorkommen. Dennoch ist er kein kompletter Außenseiter, sondern wird wegen seiner höflichen und zurückhaltenden Art und seiner hohen Leistungsbereitschaft geschätzt. Selbst bei manchen Frauen scheint Michael Chancen zu haben, obwohl er äußerlich nicht gerade attraktiv ist.

Das ist das Verstörende an diesem distanzierten, in statischen Einstellungen erzählten Film: dass er keine Wertung vorzunehmen scheint, sondern den Alltag eines Kinderschänders so schildert als wäre es das Leben eines unbescholtenen, vielleicht sogar besonders tugendhaften Familienmenschen und Steuerzahlers, zumal explizite Sexualität in den Bildern ausgespart bleibt.

Aber die vermeintliche Normalität verkehrt sich schon bald in einen grotesken Albtraum. In den oberflächlich unschuldigen Sonntagsauflügen, gemeinsamen Mahlzeiten schwingt ein unausgesprochenes Grauen mit. Denn genauso wie den „normalen“ Alltag fängt die Kamera die Banalität des Bösen ein: das Verriegeln der Tür, das bunkerartige Abschotten des Hauses gegen neugierige Blicke, den massenhaften Einkauf von Tütensuppen, wenn Michael den Jungen wegen eines Skiurlaubes tagelang seinem Schicksal überlässt.

Zugleich beleuchtet die Parallelität von Normalität und Grauen einen charakteristischen Zug von Michaels schwerer Persönlichkeitsspaltung: Er kann väterliche Emotionen hegen, aber urplötzlich jegliches Mitgefühl in sich abtöten. Und vor allem: Der eine Michael kriegt von dem anderen nichts mit. Er handelt so, als würde es das Gefängnis nicht geben. Nur wenn er im Fernseher aus Versehen in eine Sendung über das Leid missbrauchter Kinder zappt, kann er so etwas wie ein Bewusstsein davon nicht vermeiden, was er eigentlich tut.

Derart aus der Perspektive des Täters zu erzählen, ist natürlich eine extreme Gratwanderung. Da droht in jeder Szene die Gefahr, etwas zu verharmlosen oder zu entschuldigen. „Michael“ aber stürzt nicht ab, im Gegensatz zu seinem Protagonisten. Und das allein ist ein Grund, sich seinen Zumutungen auszusetzen.

Peter Gutting


Michael - beim Ophüls-Festival ausgezeichnet
Michael - beim Ophüls-Festival ausgezeichnet

Datum: 25.01.2012

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