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Javad Talee: Station 13

Die Schrecken des Exils und der Erinnerung

Ein iranischer Ex-Journalist, der im Exil in Frankfurt lebt, sucht die Hilfe eines Psychologen. Alpträume plagen ihn, die Wirren des Exils, die Erinnerungen an früher, der Zustand seines Heimatlandes. Die Erzählung „Station 13“ ist die erste deutsche Prosaveröffentlichung des Schriftstellers und Journalisten Javad Talee, der zuvor bereits zwei Lyrikbände auf Persisch veröffentlicht hat.

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Als Patient fühlt sich der Protagonist unwohl. Hinlegen auf die Couch will er sich nicht. Nur zum Schlafen legt er sich hin, und dann kommen die Träume, doch was nun eigentlich Traum und was Alptraum ist, das kann er auch nicht mehr so recht unterscheiden. Seine Ängste plagen ihn, er kann nicht vor ihnen fliehen, sie hängen mit seiner Vergangenheit zusammen und mit dem, was er im Exil erlebt. Der Identitätsverlust, die Entwurzelung, die Fremdenfeindlichkeit, die überall lauert. Seine Ängste sind eine Spinne oder wie eine Spinne. Immerzu begleitet sie ihn, in ihr manifestiert sich, wovor er zu fliehen versucht. Einmal hat man ihn eingesackt, in eine Nervenklinik eingeliefert, mit Elektroschocks behandelt, weil man ihn für verrückt hielt. Doch er ist nicht verrückt.

Das wird auch seinen Therapeuten im Verlauf des eindringlichen Dialogs immer klarer. Alptraum und Realität vermischen sich, und am Ende trifft den Leser doch immer wieder die Erkenntnis: Die schlimmsten Alpträume sind leider die Realität. Die Spinne ist real, ebenso wie die Geister. Er komme aus dem Geisterland, sagt der Protagonist, den wirklichen Namen hat er vergessen. Das Land habe viele Namen. Früher sei es eine Diktatur gewesen, doch nun werde es von Geistern beherrscht, die alle Menschen zwingen wollen, ebenfalls Geister zu werden. Ein Land, in dem die Lebenden verachtet und die Toten verehrt werden.

Es gibt da diese bezeichnende Szene, in der der Protagonist die Verhaftung eines fünfzehnjährigen Mädchens beschreibt. Nach der Hinrichtung wird dem Vater das Brautgeld überbracht. Der Therapeut stutzt. Doch, doch, erzählt der Patient. Das stimmt schon. Es gäbe da eine religiöse Regel, nach der Jungfrauen ins Paradies kämen, wenn sie getötet werden. Das wollen die Geister aber nicht zulassen, also wird vorher noch schnell die „Ehe“ vollzogen.

Das ist keine Gruselstory, kein Schauermärchen, sondern geltendes Gesetz in Iran. Doch der Patient gibt die Hoffnung nicht auf, dass es den Menschen eines Tages gelingen wird, die Geister in ihre Gräber zurückzutreiben…

Mit dieser schlanken Erzählung ist Javad Talee ein kleines Meisterstück gelungen, man kann kaum glauben, dass es sich um ein Debüt handelt, so ausgefeilt ist der Dialog zwischen Patient und Therapeut, so beklemmend, verstörend und in höchstem Maße zeitgemäß. Aus jeder Zeile atmet hier der Terror eines Regimes, das die Menschen bis ins Exil, bis in ihre Träume hinein verfolgt. Ein Buch, das nicht nur gelesen werden muss, sondern sich auch bestens für eine Bühnenumsetzung eignet – die es hoffentlich irgendwann geben wird.

Gerrit Wustmann


Javad Talee: Station 13 (erschienen bei Goethe & Hafis, Bonn)
Javad Talee: Station 13 (erschienen bei Goethe & Hafis, Bonn)

Datum: 03.02.2012

 

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