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Iranischer Berlinale-Beitrag: Paziraie Sadeh

Wohltäter in Not

Im Chor des iranischen Kinos ist die Stimme von Mani Haghighi sicher eine der schrillsten. Schräg bis absurd sind seine Filme, wie zum Beispiel „Men at Work“ aus dem Jahr 2006 über vier Männer, die einen phallusartigen Felsen beseitigen wollen. Die Vorliebe fürs Komische hat nicht nur etwas mit persönlichem Temperament zu tun. Sie ist auch ein idealer Weg, sich eindeutigen Interpretationen zu entziehen. Schließlich möchte der Film- und Theaterregisseur, der lange in Kanada gelebt hat und vor einigen Jahren in die Heimat zurückgekehrt ist, seine Arbeiten nicht nur im Ausland zeigen. Auf der Berlinale war sein neuester Film „Paziraie Sadeh“ („Modest Reception“) zu sehen – eine skurrile Komödie mit einem guten Schuss schwarzem Humor.

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Schon die Ausgangslage von „Paziraie Sadeh“ ist ziemlich verrückt: Leyla (Taraneh Alidoosti) und Kaveh, gespielt vom Regisseur selbst, fahren mit Säcken voller Geld durch eine abgelegene, verschneite Berglandschaft. Ihr Auftrag: Den Reichtum unter die armen Leute zu bringen, einen Sack für jeden, als Geschenk. Das sollte einfach sein, möchte man meinen.

Doch die Wohltäter tun sich schwer mit ihrem Job, selbst wenn sie zunächst vor Albernheit schier zu platzen scheinen. „Almosen zu verteilen sieht einfach aus“, sagt Leyla einmal, „aber es ist harte Arbeit“. Denn es verwirrt die Beschenkten, lässt sie würdelos dastehen. Also versuchen es die vornehm gekleideten Fremden mit immer neuen Tricks. Sie geben zum Beispiel vor, ein streitendes Ehepaar zu sein – am Ende schmeißt einer mit Geld um sich, das dann liegen bleibt für den total verwirrten „Spendenempfänger“. Mission vollbracht – hinterher sitzen Leyla und Kaveh wieder einträchtig in ihrem Luxus-Geländewagen und lachen sich kaputt.

Aber das funktioniert nicht immer, beim nächsten „Opfer“ müssen sie sich etwas Neues einfallen lassen. Sie drehen es so, dass sie den Leuten etwas abkaufen wollen und stürzen ihre „Kunden“ dabei in immer schwierigere moralische Dilemmata. Einer soll seinen Esel mit gebrochenem Bein zurücklassen, ein anderer gar darauf verzichten, sein totes Kind zu begraben.

Haghighis Roadmovie lebt von einer Abfolge merkwürdiger Begegnungen – einer Spirale, die sich nach und nach in einen makabren Sumpf böser Spiele hineindreht, bei denen das Lachen im Halse stecken bleibt. Sicherlich werden sich die iranischen Zuschauer ihren eigenen Reim auf das fremdbestimmte Überschwemmtwerden mit angeblichen Wohltaten machen. Europäische Kinogänger dagegen freuen sich wohl eher an der politisch korrekten Parabel, dass Geld den Charakter verdirbt. Das alles kann man in Hanaghighis neues Werk hineinlesen, aber man muss es nicht. Ganz bewusst entzieht sich die mit wenig Geld gemachte Komödie eindimensionalen Deutungen. Trotzdem hat sie einiges zu sagen, vor allem den Menschen im Iran. Die sind es gewohnt, zwischen den Zeilen zu lesen.

Peter Gutting


Szene aus Mani Haghighis Berlinale-Beitrag "Paziraie Sadeh"
Szene aus Mani Haghighis Berlinale-Beitrag "Paziraie Sadeh"

Regisseur Mani Haghighi spielt selbst an der Seite von Taraneh Alidoosti in "Paziraie Sadeh"
Regisseur Mani Haghighi spielt selbst an der Seite von Taraneh Alidoosti in "Paziraie Sadeh"

Szene aus Mani Haghighis Berlinale-Beitrag "Paziraie Sadeh"
Szene aus Mani Haghighis Berlinale-Beitrag "Paziraie Sadeh"

Datum: 16.02.2012

 

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