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Die Sache mit dem Urheberrecht

Braucht das Urheberrecht eine Reform?

Die Piratenpartei ist im Aufwind, zieht in die Landtage ein und wirbelt den etablierten Politbetrieb kräftig durcheinander. Das ist grundsätzlich zu begrüßen, denn nur so können festgefahrene Strukturen aufgebrochen werden. Dass die junge Partei noch nicht auf jedes Thema eine Antwort hat (die Großen haben die Antworten ja ebensowenig, sie ergehen sich bloß in Aktionismus) macht sie umso sympathischer weil ehrlicher. Wäre da nicht die Sache mit dem Urheberrecht. Ausgerechnet in einem ihrer Kernthemen entblößen die Piraten ihre blamable Ahnungslosigkeit…

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Das Urheberrecht sei nicht mehr zeitgemäß, sagen die Piraten, man müsse es, vor allem in Hinsicht auf die neuen Medien, anpassen. Mit dem Erstarken der Partei erstarkt auch der Widerstand. Während die einen eine Radikalreform wollen, befürchten andere eine Abschaffung des Urheberrechts und das Ende ganzer Branchen. Ohne Urheberrecht keine Kunst, heißt die Klage. Dass dies eine maßlose, an der Realität vorbeigehende Panikmache ist, zeigt ein Blick in jene Länder, die das Copyright-Abkommen nicht unterzeichnet haben. Auch dort werden Bücher geschrieben, Musik gemacht, Filme gedreht, und vieles davon kann sich sehen lassen. Ein Künstler, der seine Kunst ernst nimmt, bezieht seinen kreativen Antrieb ohnehin nicht aus dem Geld, sondern aus dem Schaffensprozess an sich. Diejenigen, die es nur des Geldes und / oder des Ruhmes wegen machen, sind, so meine ich, verzichtbar, ihre Arbeit taugt nur in seltenen Fällen etwas.

Das allerdings soll im Umkehrschluss keineswegs bedeuten, dass ich es befürworte, dass Künstler kein Geld für ihre Arbeit bekommen. Im Gegenteil. Einen Film zu drehen, ein Musikalbum aufzunehmen, ein Buch zu schreiben kostet nahezu immer enorme Mengen an Zeit und Geld, und wer das Endergebnis haben möchte, der soll auch dafür zahlen, das gebietet schon allein der Respekt vor der Arbeit des Künstlers, die man konsumiert.

An dieser Stelle muss man unterscheiden zwischen den beiden Argumentationsflügeln der Piraten und ihrer Unterstützer. Der eine ist indiskutabel, der andere verkennt die Ursache eines Problems. Der indiskutable ist jener, der die Kostenloskultur fordert. Filesharing urheberrechtlich geschützter Inhalte ist heute Volkssport, und das Unrechtsbewusstsein tendiert gegen null. Die Argumentation dahinter ist so simpel wie absurd: Man könne geistiges Eigentum gar nicht stehlen, denn im Gegensatz zum Ladendiebstahl würde das betreffende Objekt ja nicht entwendet (es fehlt also dem ursprünglichen Besitzer nicht), sondern lediglich multipliziert. Richtig ist: eine gestohlene Datei fehlt tatsächlich niemandem. Dennoch sind in diese Datei (Film, Song, Buch, whatever) Kreativität, Arbeitszeit und nicht selten auch viel Geld geflossen. Es ist also, wie bereits erwähnt, völlig indiskutabel, hieran rütteln zu wollen. Wenn ich etwas haben möchte, dann muss ich gefälligst auch dafür zahlen. Und Bücher, DVDs und CDs sind heute, meine ich, keineswegs zu teuer, sie sind oft eher noch viel zu billig. In Bezug hierauf argumentieren manche, dass kostenpflichtige Downloads von Büchern, Musik, Filmen völlig überteuert seien, wenn sie nur minimal weniger kosten als dasselbe Medium auf einem physischen Datenträger. Dieses Argument ist korrekt, aber das werden auch die Anbieter bald merken, wenn sie sich mit ihren digitalen Modellen nicht auf die Nase legen wollen.

Der zweite Argumentationsflügel sagt: Wir wollen das Urheberrecht nicht abschaffen sondern reformieren, denn das große Geld machen ja heute idR nicht die Künstler, sondern die Verwerter (Verlage, Plattenfirmen etc.); wir wollen, dass mehr Geld bei den Künstlern direkt ankommt. Hier sind wir bei einem Problem, das tatsächlich diskussionswürdig ist, allerdings braucht es auch hier keine Änderung des Urheberrechts, sondern ein engagierteres Vorgehen der Künstler selbst. Die (großen Mainstream-) Verlage, Plattenfirmen etc. argumentieren gerne, dass sie erst künstlerische Qualität ermöglichen, weil sie viel Geld investieren. Wenn man sich allerdings die künstlerische Qualität des Mainstreams a la Bohlen, Hollywood etc. ansieht, kann einem eher das kalte Grausen kommen. Das ist aber weniger die Schuld der Verwerter als die des Publikums, denn die Bohlen-Kunst entspricht eben eher dem geistigen Niveau der Bevölkerungsmehrheit als die Arbeit des experimentellen Avantgarde-Musikers, der in kleinen Clubs vor winzigem Publikum spielt.

Seien wir so ehrlich: Künstlerische Qualität ist einfach nicht gefragt. Was sich in Massen verkauft, ist vor allem Schrott. Das lässt sich auf den journalistischen Bereich übertragen. Wie sonst sind die hohen Auflagen von Springer und Co zu erklären? Die Piraten beklagen, dass ja so viele gute Künstler in Deutschland am Hungertuch nagen. Das sind aber nicht jene, denen das ihnen zustehende Geld von Verwertern „geraubt“ wird, sondern es sind jene, die schlicht kein oder ein zu kleines Publikum haben. Liebe Piraten, wenn ihr diese Künstler unterstützen wollt, dann kauft ihre Werke, besucht ihre Auftritte, zahlt Eintritt. Damit helft Ihr ganz direkt und ohne Umwege, ganz ohne das Urheberrecht auch nur anzutasten.

Und apropos „räuberische Verwerter“: Was gerne vergessen wird ist, dass die betreffenden Künstler ganz freiwillig Verträge mit diesen Verwertern eingegangen sind. Es hat sie niemand dazu gezwungen. Tatsache ist, dass zahlreiche dieser Verträge absolut unterirdische und für den Künstler nachteilige Konditionen beinhalten. Um das zu ändern müssen aber die Künstler selbst den Mut aufbringen, zu protestieren. Wenn alle Künstler sich auf einmal den Minimalkonsens-Verträgen verweigern, werden, Plattenfirmen und Verlage auch klein beigeben – sie haben gar keine andere Wahl. Nur – das Urheberrecht muss man hierzu nicht ändern.

Große Namen in der Musikbranche kehren mehr und mehr den Plattenfirmen den Rücken, weil sie den Umgang mit den Künstlern nicht mehr akzeptieren und weil sie wollen, dass mehr Geld bei ihnen selbst ankommt. Izzy Stradlin (Guns N‘ Roses) hat das vor rund zehn Jahren so gemacht und vertreibt seine (großartigen) Platten seither nur noch via iTunes. Allerdings kann Stradlin sich das leisten. Er ist finanziell abgesichert und seine Bekanntheit sorgt dafür, dass die Verkäufe stimmen. Newcomer haben diese Möglichkeit nicht, sie würden in der Masse untergehen. Sie müssen also auf akzeptable Vertragsbedingungen pochen.

Ein ganz anderes Thema in diesem Komplex ist das so genannte Leistungsschutzrecht der Verlage, das nun von der Politik abgesegnet werden soll, nachdem es von Lobbyisten aus dem Hause Springer bis zur obersten Stelle durchgeboxt wurde. Dieses Leistungsschutzrecht hat nichts mit einem optimierten Urheberrecht zu tun, sondern soll die Machtbasis vor allem von Springer selbst zementieren und wäre in der Lage, die journalistische Vielfalt im Netz empfindlich zu treffen. Man kann nur hoffen, dass in den Gremien, die hierüber zu entscheiden haben, ein paar Menschen mit Sachverstand sitzen, die verhindern, dass sich die Politik zum verlängerten Arm eines Pressekonzerns instrumentalisieren lässt. Ansonsten sind wir bald wirklich alle BILD. Das kann niemand ernsthaft wollen.

Gerrit Wustmann

Datum: 14.04.2012

 

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