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Defne Sahin live in Istanbul

Jazz-Klänge zu Gedichten von Nazim Hikmet

Als im Oktober 2010 das Debütalbum der deutsch-türkischen Jazzerin Defne Şahin erschien (Yasamak – to live with the words of Nazim Hikmet) horchte die deutsche Musikpresse auf. Und nicht nur die: Auch Blätter wie der Tagesspiegel, der Spiegel oder interkulturelle Medien wie die Deutsche Welle baten bei der in Berlin lebenden Musikerin um Audienz. Eines stellte sie aber direkt klar: „Ich bin nicht eure Kulturtürkin“ – Defne Şahin will nicht zum xten Vorzeigebeispiel im Integrationsblabla des deutschen Blätterwaldes werden, zumal sie in Deutschland geboren wurde und aufwuchs, sondern dass das Augenmerk auf ihrer Musik liegt. Warum sich das lohnt, demonstrierte sie am 8. Mai eindrucksvoll im Istanbuler Babylon.

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Wenn es um kleine, stilvolle Clubkonzerte geht, ist das Babylon unweit der Istiklal Caddesi eine der ersten Adressen im wilden Istanbuler Nachtleben. Patti Smith hat hier gespielt, ebenso wie Marianne Faithful, Norah Jones, Bill Frisell, Asia Argento und zahlreiche weitere. In dieser illustren Reihe steht nun auch der Name der 27jährigen Jazzerin Defne Şahin. Für sie ist es eine besondere Premiere: zum ersten Mal präsentiert sie ihr Debütalbum „Yasamak“ in Istanbul. Sie hat hierauf Gedichte des großen türkischen Lyrikers Nazim Hikmet vertont, mischt westlichen Jazz und Bossa Nova mit orientalischen Elementen.

„In meinen Kompositionen auf dem Album „Yaşamak“ sind diese Einflüsse zu hören. Was dort erklingt ist kein Rezept, was ich mir zusammengemischt habe, sondern viel mehr meine eigene Note zu Hikmets Lyrik“, sagte sie im Interview mit CineTreff im Oktober 2011 anlässlich ihres Albumrelease. „Ich bin mit der Lyrik von Nâzım Hikmet aufgewachsen und habe eine sehr enge Verbindung zu ihr. Die Gedichte, die ich ausgewählt habe, spielen eine bestimmte Rolle in meinem Leben oder sprechen ein bestimmtes Gefühl an. Aus dieser Resonanz heraus sind die Kompositionen entstanden und ich habe die Verse zu meinen eigenen Worten geformt.“

Ihr Lieblingsgedicht von Hikmet – aus dem ein Song wurde – beginnt so: „en güzel deniz / henüz gidilmemis olanidir“ („das schönste meer / ist das noch nicht befahrene“) und endet mit einer Liebeserklärung: „das schönste wort / habe ich dir noch nicht gesagt“. Es ist eines jener Gedichte, die Hikmet an seine Frau schrieb, während er, der Kommunist, sechzehn Jahre im Gefängnis saß, bevor er nach Moskau flüchtete. Erst vor wenigen Jahren wurde in der Türkei das über Hikmets Werke ausgesprochene Verbot aufgehoben, erst jetzt wird er so richtig wiederentdeckt und reiht sich ein in den Kanon der großen Literaten von Weltrang.

Defne Şahin gelingt es auf Anhieb, ihr Publikum in Bann zu ziehen – während sie singt und auch wenn sie für diejenigen, die nicht Türkisch sprechen, Hikmets Verse auf Englisch vorträgt. Ihr Auftreten wechselt von verhalten-schüchtern in einem Moment zu enormer Ausdruckskraft und Energie im nächsten, mal ist ihr Blick stechend und direkt, dann wieder kindlich-verträumt. Genau wie ihre Stücke. Ihre gut gelaunte Band stürzt sich zwischenzeitlich in mitreißende Soli und Improvisationen, um dann nahtlos zur eingängigen Melodie zurückzukehren.

Alle, die es verpasst haben, bekommen ihre nächste Chance am 25. Juni – dann gastieren Şahin und Band zum Ende ihrer Türkei-Tour erneut in Istanbul, dann im Nardis Jazz Club.

Gerrit Wustmann


Jazzerin Defne Sahin im Babylon in Istanbul (Bild: gw)
Jazzerin Defne Sahin im Babylon in Istanbul (Bild: gw)

Defne Sahin vertont auf ihrem Album "Yasamak" Verse von Nazim Hikmet (Bild: gw)
Defne Sahin vertont auf ihrem Album "Yasamak" Verse von Nazim Hikmet (Bild: gw)

Defne Sahins Debütalbum "Yasamak - to live with the words of Nazim Hikmet"
Defne Sahins Debütalbum "Yasamak - to live with the words of Nazim Hikmet"

Datum: 09.05.2012

 

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