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Ich bin ein Urheber, holt mich hier raus!

Von Gerrit Wustmann

Die seit einigen Wochen tobende Debatte um das Urheberrecht wird täglich wilder – und auch absurder. Dabei tritt ein Argumentations- und Interessensgeflecht zutage, das oftmals am Kern des Problems vorbeigeht und in sensationsheischender Panikmache (Stichwort „Abschaffung des Urheberrechts“) eine konstruktive Diskussion um das Wesentliche erstickt. Ein Einwurf aus Sicht eines Urhebers.

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Ich bin Urheber, holt mich hier raus – raus aus dieser unsäglichen Debatte! Bei diesem Gedanken ertappe ich mich fast täglich, wenn ich die neuesten Vorschläge zur Reform des aufgrund neuer medialer Voraussetzungen angeblich reformbedürftigen Urheberrechts höre und lese. Die Piraten wollen Urheberrechtsverletzungen straffrei stellen. Die Musikindustrie und einige große Presseverlage (angeführt von Springer) wollen Maßnahmen auf den Weg bringen, die dem Urheberrecht gar nichts nützen, dafür aber die freiheitliche Infrastruktur des Web gefährden (ACTA bzw. Leistungsschutzrecht) und zugleich Konkurrenten aus dem Weg räumen sollen, deren journalistische Qualität höher ist. Einige „Aktivisten“, die sich „Anonymous“ nennen, starten Drohgebärden, indem sie personenbezogene Daten von Urhebern gebündelt ins Netz stellen und profilieren sich mit pubertären Sprüchen wie „Wir scheißen auf Euer Urheberrecht“. Das Urheberrecht ist nicht reformbedürftig, nicht auch nur ansatzweise. Reformbedürftig sind lediglich der Umgang damit und die Haltung dazu.

Darf ich mich vorstellen? Ich bin Urheber. Ich verdiene mein Geld mit Texten, die ich verkaufe – Sachtexte, journalistische Texte, Werbetexte. Wenn ich einen Text verkauft habe, gehört er dem Käufer. Der kann dann mit dem Text tun und lassen, was er will, es sei denn, dass vorher vertraglich vereinbart wurde, dass ein Teil der Rechte bei mir bleibt. Das ist der Brotjob-Teil meiner Arbeit. Auf der anderen Seite gibt es den im weitesten Sinne künstlerischen Teil. Ich habe fünf Bücher in kleinen engagierten Verlagen (meinen „Verwertern“) veröffentlicht. Mit keinem davon habe ich nennenswert Geld verdient, weil der Schwerpunkt auf Lyrik liegt, und Lyrik verkauft sich nicht gut. Die Masse der Leser sucht lieber leicht verdauliche Romankost. Das war mir von Anfang an klar.

Die Rechte an den allermeisten Texten liegen bei mir, das habe ich mit den Verlagen stets so geregelt. Wer also die Texte lesen will, der muss ein Buch kaufen (oder sich das Buch bei Leuten, die es gekauft haben, ausleihen). Wer Texte von mir in anderem Rahmen erneut veröffentlichen will, der muss meine schriftliche Zustimmung dazu einholen, sofern es über ein Zitat einiger Zeilen / Verse hinausgeht. Ob ich in so einem Fall den betreffenden Text kostenlos oder gegen Honorar oder gar nicht zur Verfügung stelle, hängt von den jeweiligen Umständen ab.

Nun werden viele sagen: Aber wenn Du kein Geld damit verdienst, dann kannst Du doch problemlos Deine Arbeiten unter einer Creative Commons Lizenz kostenlos veröffentlichen! – Ja, kann ich. Will ich aber nicht, und das ist mein gutes Recht als Urheber, das es zu respektieren gilt. Ich will die Kontrolle darüber behalten, was mit meiner Arbeit geschieht und in welchem Kontext sie Verwendung findet. Das geht nur, indem meine Verwerter und ich auf das Urheberrecht pochen. Für meine Verwerter / Verlage kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Lyrik erscheint heutzutage fast ausschließlich bei Kleinverlagen. Die meisten davon haben nahezu keine finanziellen Mittel, einige sind auf öffentliche oder private Fördergelder angewiesen. Ein Buch zu realisieren kostet Geld. Der Verlag muss mit dem Autor kommunizieren; das Buch muss lektoriert, gesetzt, gelayoutet, gedruckt, beworben werden; es müssen Lesungen organisiert werden, bei denen Reisekosten anfallen. All das ist teuer. Man muss schon einen ziemlichen Stapel verkaufen, um allein diese Kosten wieder reinzuholen, und darüber hinaus verbleiben nur 20-30% an Gewinn beim Verlag. Bei Auflagen von oft wenigen hundert Exemplaren – wie es bei Lyrik üblich ist – kommen da keine nennenswerten Summen zustande. Die meisten Lyrikverleger sind froh, wenn sie ein Nullgeschäft machen. Dasselbe trifft auf Indie-Plattenlabels und Indie-Filmverleihe zu.

Schriftsteller sind von Urheberrechtsverletzungen noch (!) nicht so heftig betroffen wie Musiker oder Filmemacher, aber das dürfte sich ändern, sobald das E-Book sich durchgesetzt hat, und ich bezweifle nicht, dass das passieren wird. Wenn dann ein E-Book in einer Filesharingschleuder landet und die wenigen hundert Leser es sich dort saugen, anstatt es zu kaufen, wird ein Kleinverlag nach dem anderen dichtmachen, weil das Veröffentlichen von Büchern dann einfach nicht mehr zu stemmen ist.

Nun wird von Seiten derer, die der Kostenloskultur den Mund reden, gerne argumentiert, sich Geistiges Eigentum anzueignen sei kein Diebstahl, weil ja nicht jemand anderem etwas weggenommen, sondern lediglich etwas vervielfältigt würde. Das ist absurder Unsinn. Ebenso absurd wie die Rechenspiele der Musikindustrie, die sagt: Wenn eine Million Songs zu je einem Euro illegal bezogen werden, machen wir eine Million Euro Verlust. Wer so etwas verbreitet weiß selbst, dass es nicht stimmt. Ganz einfach deshalb, weil längst nicht jeder Downloader das Original tatsächlich gekauft hätte. Aber selbst wenn gerade mal 10% der illegal angeeigneten Songs einen realen Kauf verhindern, entsteht ein realer, messbarer Verlust, der de facto durch Diebstahl zustande kommt.

Diesen Argumenten treten einige entgegen indem sie versuchen, Urheber und Verwerter gegeneinander auszuspielen. Das ist ebenso absurd. Urheber und Verwerter brauchen einander. Wie ich eben ausgeführt habe, habe ich selbst noch keinen von diesen ominösen „bösen Verwertern“ persönlich kennengelernt. Ich komme mit meinen Verwertern sehr gut klar, zu manchem besteht gar ein freundschaftliches Verhältnis. Bevor es jetzt einen Aufschrei gibt: Mir ist bewusst, dass es Verwerter gibt, die ihre Künstler mit Buyout- und Knebelverträgen über den Tisch ziehen, vor allem in der Musikindustrie. Um diesem Missstand zu begegnen muss man aber nicht am Urheberrecht rütteln, sondern die Urheber selbst müssen ein Problembewusstsein entwickeln und sich nachteiligen Verträgen verweigern. Viele tun das nicht, weil ihnen fortune & fame leider wichtiger sind. Wenn sie dann ihren Fehler bemerken ist es zu spät…

Dasselbe trifft auf GEMA und VG Wort zu. Wenn diese beiden „Interessenvertreter“ Unsummen einstreichen, diese aber aufgrund intransparenter und mitunter fragwürdiger Verteilsysteme nicht bei den Urhebern ankommen ist das kein Grund, das Urheberrecht zu ändern. Es ist ein Grund für Urheber, gegen diese Machenschaften zu protestieren und auf ihrem Recht zu bestehen bzw. von vornherein bessere Verträge auszuhandeln. Und wie bei den Verlagen und Labels gilt auch hier: Kein Urheber ist gezwungen, mit ihnen einen Vertrag zu schließen. Das ist die freie Entscheidung des Urhebers, und diese gilt es seitens des Konsumenten zu respektieren.

Fakt ist: Das illegale massenhafte downloaden und filesharen urheberrechtlich geschützter Inhalte ist Volkssport in Deutschland, fast jeder tut es, und es gibt nahezu kein Unrechtsbewusstsein. Genau hier muss die Diskussion ansetzen. Ob ein Werk kostenlos oder kostenpflichtig ist, ob es im Selbstvertrieb, über Filehoster oder über Verwerter in Umlauf kommt ist einzig und allein die Entscheidung des Urhebers, und wer diese missachtet, der missachtet den Urheber gleich mit. Leider zieht die Urheberrechtsgeschichte zahlreiche Parasiten an, die nicht nur die Diskussion vergiften, sondern auch die realen Verhältnisse. Das sind einerseits die Abmahnanwälte, deren Geschäftsmodell daraus besteht, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen und sich daran dumm und dämlich zu verdienen. Zudem diskreditieren sie das legitime Rechtsmittel der Abmahnung, mit dem sich Urheber gegen Missbräuche wehren können. Nur dafür ist die Abmahnung in diesem Kontext gedacht: Missbrauch zu verhindern. Stattdessen dient sie heute als Gelddruckmaschine für Leute, die sich nicht im Geringsten ums Urheberrecht scheren, sondern nur um ihren eigenen Geldbeutel. Ähnliches gilt für die Initiatoren von ACTA und Leistungsschutzrecht.

Das Urheberrecht zu stärken bedeutet, bewusst zu machen, dass Urheber und Konsumenten Partner sind, die einander brauchen. Das bedeutet auch, dass der Konsument den vom Urheber gewählten Verwertungsweg akzeptieren muss. Das Urheberrecht in Einklang mit der Freiheit des Netzes zu bringen bedeutet, mit aller Entschlossenheit gegen Leute vorzugehen, die diese Freiheit einschränken wollen. Zu diesen Leuten zählen fraglos nicht die Urheber, die sich gegen illegale Downloads aussprechen, sondern die im obigen Absatz erwähnten.

Datum: 05.06.2012

 

 
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