Franka Potente

"Schauspieler sind wie Kinder"

Schauspielerin Franka Potente

(tsch) Franka Potente kann sich richtig aufregen. Wenn jemand hustet zum Beispiel, ohne sich die Hand vor den Mund zu halten - gerade im Kino. Die 31-Jährige steht häufig im Stress und trinkt dann einen Kaffee nach dem anderen. Doch bei den Dreharbeiten von "Elementarteilchen" war sie die entspannteste Darstellerin am Set von Oskar Roehler. Nach ihrem USA-Ausflug lebt die gebürtige Dülmenerin (bei Münster) mittlerweile wieder in Berlin, wird aber weiterhin für Hollywoodproduktionen engagiert. Im Interview spricht Franka Potente über ihre neue Sicht auf das Schauspielerdasein, die Romanvorlage von Michel Houellebecq und darüber, wie unterschiedlich man Menschen betrachten kann.

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teleschau: Nachdem von Ihnen zuletzt relativ wenig zu sehen war, stehen Sie jetzt wieder häufiger vor der Kamera. Wie leicht fallen Ihnen die Dreharbeiten?

Franka Potente: Es ist normalerweise stressig, aber bei "Elementarteilchen" ging es sehr entspannt zu. Ich hatte nur zwölf Drehtage, zwischen denen immer längere Pausen lagen. Das kam mir sehr gelegen, weil ich zu der Zeit meinen ersten eigenen Kurzfilm fertig stellte. Grundsätzlich habe ich es aber lieber, am Stück zu arbeiten. Meine verückteste Erfahrung waren die Dreharbeiten zu "Blow" mit Johnny Depp: Ich hatte damals immer mal eine ganze Woche frei und wusste in dieser Zeit nichts mit mir anzufangen. Ich hätte mich an den Pool setzen können, schön. Aber ich wollte lieber arbeiten.

teleschau: Der Kurzfilm "Der die Tollkirsche ausgräbt" ist Ihr Regiedebüt. Kam es beim Dreh von "Elementarteilchen" auch mal vor, dass Sie Oskar Roehler Verbesserungsvorschläge machten?

Potente: Was Oskar betrifft, eigentlich nicht. Das schlug eher in anderen Bereichen durch. Bei Kostüm- oder Maskenproben habe ich durch meine Low-Budget-Erfahrungen schon häufig meine Meinung gesagt: Das müsse doch nicht so aufwändig sein. Ich bin wie eine Dampflock reingerast mit meiner Meinung. Das ging so weit, dass ich irgendwann zurechtgewiesen wurde: Ich solle mal auf dem Teppich bleiben. Dabei wollte ich doch nur sparen!

teleschau: Sehen Sie sich als Schauspielerin durch ihre Regieerfahrung aus einer anderen Perspektive?

Potente: Wer einmal Regisseur ist, sieht die Schauspieler auf jeden Fall mit anderen Augen: Sie sind wie Kinder! Wenn etwas am Set im Argen liegt, kommt das meistens aus der Schauspielerecke und wenn sie angedackelt kommen, muss man sie loben, weil sie ja gut gelaunt sein sollen. Dadurch kamen mir Zweifel: Bin ich auch so? Durch die Regie-Erfahrung ist das Schauspielerdasein für mich entzaubert - und ich bin seitdem eine sehr kooperative Schauspielerin.

teleschau: Sie standen seit "Lola rennt" das erste Mal wieder mit Moritz Bleibtreu vor der Kamera. Wie sehr hat er sich verändert?

Potente: Wir haben uns in all den Jahren nie gesehen. Wir leben in unterschiedlichen Städten und sind beide keine Partygänger. Vielleicht bin ich deswegen so beeindruckt von seiner Ambivalenz: der Ausstrahlung als salopper Sunnyboy auf der einen und der ernsten Schauspielleistung auf der anderen Seite. Gerade seine intuitive, sensible Seite habe ich durch den Film kennen gelernt.

teleschau: Halten Sie ihn nicht für zu jung für die Rolle?

Potente: Die Protagonisten im Buch sind älter, aber das ist nicht ausschlaggebend. Moritz ist im Film ein echter Mann, der manchmal richtig zerstört aussieht. Und Christian Ulmen strahlt die Asexualität, die für seine Rolle so wichtig ist, sehr authentisch aus: Er wirkt auf mich wie ein Teigmännchen.

teleschau: Der Roman von Michel Houellebecq galt lange als unverfilmbar ...

Potente: Ich kenne Romanverfilmungen, in denen die Unterschiede zur Vorlage sehr viel deutlicher sind. Die Kritik über das Filmende, das nicht so düster ist wie im Roman, ist auch nicht ganz schlüssig. Was zählt, ist die Essenz der Geschichte. Das Buch ist sehr hart und düster, man liest es alleine. Kino ist da unpersönlicher, weil es ein kollektives Erlebnis ist. Daher halte ich extremen Pessimismus und Zynismus auch nur im Roman darstellbar, wie es Michel Houellebecq mit einem Augenzwinkern gemacht hat.

teleschau: Der Roman hat in den 90er-Jahren eine Diskussion über die männliche Psychologie ausgelöst. Haben Sie sich als Männerfantasie wohl gefühlt?

Potente: Man sieht Annabelle aus der Sicht von Michael. Dabei hat sie etwas Verblühtes an sich. Das ist das Spezielle an Oskar Roehler: Er zeigt die Menschen, wie sie von anderen am liebsten gesehen werden. Der Michael in "Elementarteilchen" ist eigentlich schwer verkäufliche Ware. Doch Annabelle kennt ihn wie niemand sonst. So ist es auch im wahren Leben: Wenn man 20 Jahre alt ist, achtet man noch sehr auf Äußerlichkeiten bei seinem Partner. Wenn man älter wird - das beginnt schon mit 30 - begreift man, dass niemand perfekt ist. Erst recht nicht man selbst. Andere Eigenschaften werden wichtiger - Humor zum Beispiel oder die Fähigkeit zuzuhören.

teleschau: Wie haben Sie sich auf das schwierige Thema Krebs vorbereitet?

Potente: Damit muss man auf natürliche Weise umgehen. Ich habe mich als Annabelle hingesetzt und mir angehört, was der Arzt sagt. Dann ließ ich die Nachricht auf mich wirken. Ich halte nichts davon, wenn Schauspieler alles mit ihrem Spiel kommentieren, Zeter und Mordio schreien oder in Tränen ausbrechen. Als Zuschauer fühle ich mich dann immer um die Szene gebracht. Lasst mich doch selbst gucken! Ich bin doch nicht blöd!

teleschau: Mit Ihrer Hollywood-Erfahrung sehen Sie doch bestimmt die Unterschiede zwischen den USA und Deutschland im öffentlichen Umgang mit der Sexualität?

Potente: In Amerika gibt es eine nicht von der Hand zu weisende, tief verwurzelte Prüderie. Genau das ist der Grund, weshalb dort viele so schamlos und direkt sind. Zum Beispiel kenne ich viele junge Männer in Los Angeles, die es schick finden, mit einem Stripper auszugehen, weil die sexy und gut im Bett sind und nur gute Laune verbreiten. Geheiratet wird dann aber Doris Day. Das ist natürlich eine Doppelmoral, aber es gibt in Hollywood mittlerweile eine Bewegung, die sich durch Tabulosigkeit auszeichnet. Der Oscar-Favorit "Brokeback Mountain" ist ein Beispiel dafür.

teleschau: Bleiben Sie Hollywood trotz Ihres Umzugs nach Berlin weiterhin treu?

Potente: Als nächstes drehe ich mit Eric Bana in Australien eine Romanverfilmung mit dem Titel: "Romulus, mein Vater". Ich muss nicht mehr in Los Angeles leben, um engagiert zu werden. Ich habe eine Nische gefunden, spiele in US-Filmen europäische Rollen. Wenn es solch einen Part gibt, dann fällt jemandem hin und wieder mein Name ein. Das läuft im Moment ganz gut.

Leif Kramp

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Die schöne Deutsche, die aus Hollywood zurückkam: Franka Potente.
Die schöne Deutsche, die aus Hollywood zurückkam: Franka Potente. (Universal)
Hartes Brot für Franka Potente: In "Elemantarteilchen" spielt sie die etwas verlebte Annabelle, die an Krebs erkrankt ist.
Hartes Brot für Franka Potente: In "Elemantarteilchen" spielt sie die etwas verlebte Annabelle, die an Krebs erkrankt ist. (Constantin Film AG)
Franka Potente machte auf dem Roten Teppich der Berlinale eine gute Figur.
Franka Potente machte auf dem Roten Teppich der Berlinale eine gute Figur. (Constantin Film AG)

Datum: 26.02.2006

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