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Film Noir! in Frankfurt

Stimmungsvolle Film noir-Ausstellung

Bis zu 400 Werke zählen, je nach Definition, zum Film noir der klassischen Periode der Jahre 1941 bis 1958. Was sie auszeichnet und zu einer „Serie“ oder gar zu einem Genre macht, ist in schlauen Büchern nachzulesen. Sinnlich begreifen und auf einen Blick erfassen kann man die zum Teil bahnbrechenden Stilelemente jetzt in einer Sonderausstellung des Frankfurter Filmmuseums. Den Kuratorinnen Jule Murmann und Stefanie Plappert ist dabei eine gut strukturierte und höchst anschauliche Zusammenstellung gelungen, die eingefleischte Noir-Fans genauso begeistern dürfte wie Kinogänger mit anderen Genre-Vorlieben. Die Ausstellung ist vom 22. Juni bis 14. Oktober zu sehen (außer montags).

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Nicht Requisiten, Fotos oder Drehbücher stehen im Mittelpunkt der Schau. Sondern die Filme selbst, klug montiert auf sechs großen Leinwänden und zehn Monitoren. Das entspricht ganz der Linie, die auch die neue Dauerausstellung des 2011 komplett umgebauten und neu konzipierten Museums verfolgt. Filmische Stilmittel kann man am besten durch markante Filmausschnitte begreifen, nicht durch textlastige Erläuterungen. Und so ist „Film noir!“ europaweit die erste Projektionsausstellung, die den Film noir in seiner besonderen Formensprache sichtbar werden lässt.

Zu den Stärken der Schau zählt neben der Auswahl der Filmausschnitte auch die besondere – natürlich noir-spezifische - Atmosphäre, in die der Besucher eintaucht. Gleich hinter der Eingangstür wird es sehr dunkel: Schwarzlicht erzeugt die stimmungsvoll stilisierte Szenerie einer nächtlichen Straße. Kalte blaue Linien lassen Häuser auftauchen, eine ideale Szenerie für die einsamen Wölfe der Großstadt und ihre umwerfenden, aber oft verhängnisvollen Begleiterinnen. Und schon ist der Besucher mittendrin in den damals für Hollywood-Verhältnisse revolutionären Neuerungen. Sozusagen auf Du und Du mit Protagonisten, die nicht zum Helden, sondern höchstens zum Antihelden taugen in einer dunklen, von harten Kontrasten und kunstvollen Schattenspielen dominierten Welt. Eingefangen mit waghalsigen Kameraperspektiven und verschachtelten Erzählmustern, die von einer undurchschaubaren, gefährlichen Gesellschaft handeln, in der jeder nur sich selbst der nächste ist. All das bedeutete natürlich nicht nur eine filmimmanente Fortentwicklung formaler Mittel, sondern war ein Reflex auf die Umbrüche und existenziellen Krisen während der Kriegs- und Nachkriegsjahre.

Auf das Schwarzblau folgt ein leuchtfarbenes Grün. Hier zieht sich der Besucher mit dem Detektiv ins karg ausgestattete Büro zurück - und verfolgt das Schicksal der abgebrühten Hut- und Trenchcoatträger auf drei von der Decke hängenden Leinwänden. Die Ausschnitte zeigen plastisch die extremen Auf- und Untersichten der Kamera, das kunstvolle Spiel mit Spiegeln und den effektvollen Einsatz von Lichtkegeln. Etwa wenn in „Dead Reckoning“ (1947) von John Cromwell die Kamera auf dem Boden liegt und weitwinkelverzerrt in die Gesichter von drei Männern und einer Frau starrt. Oder wenn am Ende der „Lady von Shanghai“ (1947) von Orson Welles der Schusswechsel im Spiegelkabinett neue ästhetische Maßstäbe setzt. Oder wenn die Beleuchtung in „Laura“ (1944) von Otto Preminger aktiv in die Handlung eingreift und die Titelfigur quasi bedroht.

Orangefarben ist der größte und gemütlichste Bereich der Ausstellung. Hier bilden die Kuratorinnen einen Salon der 1940er Jahre nach, dessen Sessel und Couchen durchaus als Sitzgelegenheit gedacht sind. Auf drei großen Leinwänden erwachen hier drei weitere stilprägende Elemente des Film noir zum Leben: seine Vorliebe für subjektive Erzählkommentare aus dem Off und den nahezu manischen Hang zu Rückblenden. Außerdem legendäre Schauplätze wie Bar, Kasino oder Großstadtdschungel. Und natürlich seine Figuren, die gebrochenen Männer und die „Femmes fatales“ an ihrer Seite, die ihnen nicht nur ebenbürtig, sondern oft überlegen sind. Vor allem bei der Charakterzeichnung zeigt sich, wie erhellend es sein kann, gezielt ausgewählte Ausschnitte hinter- und zwischeneinander zu schneiden. Da schlagen verzweifelte Antihelden aus ganz verschiedenen Filmen die Hände vors Gesicht. Da werden Männerblicke von Frauenbeinen wie magisch angezogen. Und da zeigen emanzipierte Heldinnen, was sich in den Kriegsjahren, als sie auf sich gestellt waren, geändert hat: Sie rauchen, trinken – und schießen.

Jeder dieser Zusammenschnitte dauert rund 10 Minuten, sodass der Besucher in insgesamt 60 Minuten erkunden kann, was der Auftaktfilm der schwarzen Serie, „Spur des Falken“ (1941) von John Huston, mit dem Schlusspunkt, „Im Zeichen des Bösen“ (1958) von Orson Welles, gemein hat. Und was beide mit denen dazwischen sowie mit den „Neo noirs“ verbindet. Letzteren sind nämlich abschließend weitere fünf Monitore gewidmet, einer für jedes Jahrzehnt, angefangen mit den 1960ern. So voll von einer zwielichtigen, düsteren Welt bleibt einem fast nichts anderes übrig, als sich über die Theke des Museumscafés zu lehnen und einen Whisky zu bestellen.

Peter Gutting


Film Noir - Ausstellung in Frankfurt (Bild: Deutsches Filminstitut DIF e.V. / Foto: Uwe Dettmar)
Film Noir - Ausstellung in Frankfurt (Bild: Deutsches Filminstitut DIF e.V. / Foto: Uwe Dettmar)

Datum: 22.06.2012

 
Artikel ID 90000972

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