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Petra Hammesfahr: Ich schreibe über Schicksale

Interview mit Bestsellerautorin Petra Hammesfahr

Petra Hammesfahr gilt als eine der erfolgreichsten deutschen Spannungsautorinnen, ihre Romane wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und sind Bestseller, wurden teils verfilmt. Ihr großer Durchbruch war der Roman „Der Stille Herr Genardy“ (1993). Fast jedes Jahr erscheint mindestens ein neues Buch. Im Interview mit Cinetreff-Redakteur Gerrit Wustmann gibt sie Einblick in ihre Arbeit.

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CineTreff: In der Presse wurden Sie einmal als deutsches Pendant zu Stephen King bezeichnet. Wie stehen Sie zu solchen Vergleichen?

Petra Hammesfahr: Man vergleicht mich auch oft mit Patrizia Highsmith, da sollte ich mich wohl geschmeichelt fühlen, immerhin handelt es sich um sehr erfolgreiche Kollegen. Aber ich finde, beide Vergleiche hinken. Früher wurden meine Manuskripte oft abgelehnt mit dem Hinweis: „So wie Sie schreibt kein Mensch.“ Heute wird das – auch in der englischsprachigen Presse - als „einzigartiger“ Stil bezeichnet. Und das heißt, ich schreibe weder wie King noch wie Highsmith oder sonst jemand.

CineTreff: Tatsächlich gibt es aber Parallelen. Angefangen damit, dass Sie, wie King, Ihre erste Kurzgeschichte im Playboy veröffentlicht haben bis hin zu der Tatsache, dass auch Ihre Romane zumeist im ländlichen kleinbürgerlichen Milieu spielen und Sie dort hinter die Vorhänge und unter den Anstrich der weißen Gartenzäune blicken. Was fasziniert Sie so sehr an diesem Setting und welche Bedeutung hat es für Sie persönlich?

Petra Hammesfahr: Ich bin in diesem Milieu aufgewachsen, dort ist alles etwas persönlicher und überschaubarer als in einer Großstadt. Man vergisst auch nicht so schnell, manches hält sich jahrzehntelang in den Köpfen der Leute.

CineTreff: In Ihren Büchern geht es immer wieder auch um Missbrauch, bestes Beispiel „Der stille Herr Genardy“. Statistisch gesehen geschehen die meisten Missbrauchsfälle innerhalb von Familien und nur die wenigsten werden aufgeklärt. In Ihren Büchern beleuchten Sie vor allem die Schicksale der Opfer. Was glauben Sie, muss in der Gesellschaft geschehen, damit dieses Problem größer thematisiert wird? Wo sehen Sie Defizite?

Petra Hammesfahr: Das größte Defizit sehe ich im Umgang mit den Opfern. Aber Opfer verursachen auch nicht so hohe Kosten wie Täter hinter Gittern, die deshalb entweder gar nicht erst eingesperrt oder zu früh wieder auf ihre Mitmenschen losgelassen werden. Es müsste schneller und effektiver geurteilt und gestraft werden, auch und vor allem bei jugendlichen Straftätern. „Wehret den Anfängen.“ Leider ist dieser Cicero-Spruch kein Gesetzestext. Und Politiker, die Gesetze verabschieden, leben nicht in einem Milieu, in dem Nachsicht und Verständnis als Schwäche ausgelegt werden.

CineTreff: In Ihrem aktuellen Roman „Die Schuldlosen“ geht es auch um die Täterperspektive und um die Reaktion in einer kleinen Gemeinde, wenn dort ein (vermeintlicher) Täter wieder einzieht. Haben Ihre Kriminalfälle reale Vorbilder? Denn diese Thematik taucht ja auch immer wieder in den Medien auf…

Petra Hammesfahr: Reale Vorbilder brauche ich nicht, meine Phantasie reicht völlig. Mir wurde zwar schon verschiedentlich angeboten, über einen realen Kriminalfall zu schreiben, ich habe jedes Mal abgelehnt und werde das auch in Zukunft tun. Jeder reale Kriminalfall ist mit Leid, Schmerz, Trauer und Verzweiflung verbunden, wo sollte ich da Spannungsbögen setzen oder kleine Verschnaufpausen für die Leser einbauen?

CineTreff: Sie haben bereits sehr früh mit dem Schreiben begonnen. Haben Sie von Anfang an Krimis geschrieben?

Petra Hammesfahr: Nein, und ich behaupte hartnäckig, dass ich noch keinen Krimi geschrieben habe. In Krimis geschehen Morde und werden aufgeklärt. Über das Opfer erfährt man wenig, dafür umso mehr über Ermittler, die auch gerne im nächsten Krimi wieder auftauchen. Ich schreibe über die Schicksale und das Umfeld von Opfern, von denen manche Täter sind oder werden. Ich zeichne ihren Weg in die Katastrophe auf. Gut, es gibt auch in meinen Geschichten Tote und – falls notwendig -polizeiliche Ermittlungen. Jedes Kind braucht einen Namen, und was inzwischen unter dem Begriff „Thriller“ firmiert, damit möchte ich auch nicht in eine Schublade gesteckt werden, dann lieber Krimi oder einfach Roman.

CineTreff: Was lesen Sie selbst? Welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch?

Petra Hammesfahr: Am liebsten lese ich Bücher, die ich selbst nicht schreiben könnte. Sie müssen aber vom ersten Absatz an packen, sonst wandern sie nach spätestens 20 Seiten auf den großen Haufen, für den mir meine Zeit zu schade ist. Zuletzt gelesen, vielmehr verschlungen habe ich „Blackout“ von Marc Elsberg. Zurzeit lese ich „Die Zelle“, rechter Terror in Deutschland.

CineTreff: Möchten Sie Ihren Lesern einen kleinen Teaser auf das nächste Buch geben?

Petra Hammesfahr: Woran ich derzeit schreibe, möchte ich nicht verraten. Ich weiß auch nicht, wann das gedruckt wird. Im August erscheint das Taschenbuch „Der Frauenjäger“, das wird alle freuen, die darauf warten. (gw)


Petra Hammesfahr: "Ich schreibe über Schicksale" (Bild: P. Hammesfahr)
Petra Hammesfahr: "Ich schreibe über Schicksale" (Bild: P. Hammesfahr)

Petra Hammesfahrs aktueller Roman "Die Schuldlosen" (Wunderlich Verlag, 2012)
Petra Hammesfahrs aktueller Roman "Die Schuldlosen" (Wunderlich Verlag, 2012)

Datum: 27.06.2012

 
Artikel ID 90000977

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