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Bushido

Der Staatsfeind ist zurück

Rapper Bushido

(tsch) Bushido hat Maßstäbe gesetzt in Deutschland. Als sich der Berliner Rapper vor drei Jahren mit Hilfe des Labels Aggro Berlin aus dem Untergrund herausschälte, stand er plötzlich leibhaftig vor uns: Deutschlands erster wirklicher Gangsta-Rapper. Bushido erschreckte Jugendliche und verstörte Erwachsene. Eine Vergangenheit mit Drogen, Gewalt und Jugendstrafen hatte er hinter sich. Nach einem halben Dutzend Krawall-Alben in kurzer Zeit hat er es nun zu einem 7er-BMW und einer 8.000-Euro-Couch gebracht. Durch die umfangreiche Berichterstattung vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen über "Bravo" bis hin zum Feuilleton weiß selbst der HipHop-ferne Bildungsbürger mittlerweile, dass in Berlin die Gosse rappt. Und dass ein gewisser Bushido als einer ihrer düstersten Vertreter gilt.

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Mit der Veröffentlichung von Bushidos neuem Album "Staatsfeind Nr. 1" erreicht das Cross-Marketing zwischen verkaufsförderlichen Lifestyle-Skandalen und Tonträgerabsatz eine neue Qualität in Deutschland. Immerhin geht es um vorsätzliche schwere Körperverletzung. Die nämlich wird dem Berliner Rapper vorgeworfen. Was genau war passiert? Im Zuge eines Streits um platt gestochene Autoreifen des Rapper-Mobils soll der düstere Reimer am 29. Juli in Linz einen jungen Österreicher lebensgefährlich verletzt haben. Bushido saß zwei Wochen in Untersuchungshaft, kam jedoch gegen eine hohe Kaution wieder auf freien Fuß. Just am 4. November, dem Tag der Album-Veröffentlichung, soll nun das Urteil über Bushido vor dem Linzer Oberlandesgericht verkündet werden. Bushido erwartet einen Freispruch. Es könnten aber auch drei Jahre Haft werden, sagt er. Wenn man sich nun fragt, ob es nicht ein bisschen pervers ist, dass man an jenem Tag, da man vielleicht eher demütig das Urteil erwarten soll, eine CD-Veröffentlichung plant, wird man von der Antwort Bushidos überrascht: "Ich glaube nicht, dass das mit dem 4.11. Zufall ist. Unser Veröffentlichungstermin stand längst fest, ein paar Wochen später erst kam die Einladung zur Urteilsverkündung."

Wedelt hier etwa der Schwanz mit dem Hund? Doch Bushido, der sich offiziell nichts sehnlicher wünscht, als ein ganz normaler Angeklagter zu sein, legt nach gegen die oberösterreichische Justizverschwörung. "Schon während meiner Zeit im Gefängnis in Linz hat das Gericht die Werbetrommel angeschmissen. Da kamen Wächter und haben ohne Grund meine Zelle ausgemessen. Die Maße standen kurze Zeit später in der 'Bravo'. Die Wärter haben mit Freude alles preisgegeben: wann ich wo bin, meinen ganzen Tagesablauf im Knast. Als ich raus kam, gab es ein Blitzlichtgewitter vor dem Gefängnis." Wie im HipHop-Video eben. Natürlich findet Bushido so etwas eklig. Und er findet Sätze wie: "Es gibt Orte, da hat dein Ruhm oder deine Bekanntheit nichts zu suchen. Als Wärter hast du eine pädagogische Funktion gegenüber dem Häftling." Und na klar: Die Wächter wollten Autogramme, doch Bushido bedachte nur seine Zellen-Homies mit der begehrten Schriftpobe.

Bushido weiß, wie Medien funktionieren. Fragt man ihn, ob es nervt, dass er vor allem über seine Skandale wahrgenommen wird, kommen Antworten wie: "Ich bin kein Kind von Unschuld, aber die Medien haben einfach kein Interesse, diese Dinge zu hinterfragen. Es gibt fünf, sechs Headlines über mich und die sind mehr oder minder austauschbar. Schwulenhass, Indizierung, Körperverletzung, Rechtsradikalismus. Schade, dabei hatte ich mal mit der Musik angefangen. Aber ich nehme das hin." Immerhin sorgen die Skandale ja auch für ein hohes Schmerzensgeld in Form von Albumverkäufen. Bushido ist der vielleicht meistgehasste Rapper Deutschlands, vor allem seit er auch seinem Ex-Label Aggro Berlin den Rücken kehrte und nun beim Major Universal veröffentlicht.

Und doch ist Bushido in der Tat echter HipHop: Er ist in einem Heim für schwer Erziehbare aufgewachsen, musste wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz und Sachbeschädigung eine Lehre zum Maler und Lackierer - statt Jugendknast - absolvieren. Verfeinert hat er das weitergegebene Wissen der Handwerkskammer in der Sprayerszene Berlins. Als NWA-Fan kam er zum Rappen, die ersten Versuche unternahm er bei Streetworkern in einem HipHop-Mobil. So weit, so kredibel.

Derweil zieht Bushidos Name zieht weiter seine Kreise. Unlängst hat sich sogar ein Journalist der "New York Times" bei Bushido angemeldet, da man im Mutterland des HipHop vor den härter werdenden Bandagen im Berliner Reimekampf gehört hatte. Ist Bushido stolz darauf, der erste authentische Gangsta-Reimer Deutschlands zu sein? "Ich bin nicht der Vertreter dieses Phänomens", gibt der überraschend zu Protokoll. "Warum ist es plötzlich cool, dass man früher Koks vertickt hat und sich mit Kalibern auskennt? Ich empfehle das den Kids nicht, wenn ich sie persönlich treffe. Was ich mache, ist Kunst. In der Kunst ist manches überspitzt und meine Rolle ist eben oft nur eine Rolle." So kann man es auch sehen. Übrigens: Bushido hat gerade erfolgreich ein Anti-Agressionstraining absolviert, das ihm die österreichische Justiz verschrieben hatte. Es ist anzunehmen, dass die psychologischen Lehrstunden Bushidos Rap-Skillz in Sachen Selbstdarstellung weiteren Feinschliff verpasst haben.

Eric Leimann


Bushido: Ist der böse? Oder tut der nur so: "Staatsfeind Nr. 1".
Bushido: Ist der böse? Oder tut der nur so: "Staatsfeind Nr. 1". (Universal)

Bushido: Am 4. November gibt's das Urteil und die neue Platte.
Bushido: Am 4. November gibt's das Urteil und die neue Platte. (Universal)

Bushido: Überraschende Statements gegen das Gangstertum.
Bushido: Überraschende Statements gegen das Gangstertum. (Universal)

Datum: 27.02.2006

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