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Anleitung zum Unglücklichsein

Gegengift zu 4.000 Ratgebern

Es gibt angeblich 4.000 Ratgeber, um glücklich zu werden, aber vermutlich nur eine „Anleitung zum Unglücklichsein“. Geschrieben hat sie der österreichisch-amerikanische Psychotherapeut und Kommunikationsforscher Paul Watzlawick. In den 1980ern entwickelte sich der Anti-Ratgeber zum Kultbuch und Millionenseller. Bis heute hat das kleine Büchlein mit den legendären Paradoxien nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Auch Regisseurin Sherry Hormann ist seinem Charme schon vor knapp 30 Jahren erlegen und hat das Sachbuch jetzt verfilmt – auf unterhaltsam leichte und verspielte Weise. Kinostart ist der 29. November.

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Natürlich kann man ein psychologisches Standardwerk nicht eins zu eins umsetzen, selbst wenn es so hintergründige kleine Szenen enthält wie die berühmte Geschichte mit dem Hammer. Da möchte jemand ein Bild aufhängen, hat aber keinen Hammer. Den Nachbarn fragen? Wäre eine Möglichkeit. Aber was, wenn der einen unfreundlich abblitzen lässt? Und überhaupt, warum guckt der immer so grimmig? Der kann mich bestimmt nicht leiden. Fatale Folge des Gedankenkarussells: Man klingelt wutentbrannt beim Nachbarn und schreit ihn an: „Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel“. Jeder kennt vermutlich solche Situationen, in denen grüblerische Gedanken die Katastrophen erst herbeiführen, die man eigentlich vermeiden möchte. Und wenn man dann noch eine geniale Melancholikerin wie Johanna Wokalek als Hauptdarstellerin hat, schreibt sich die Geschichte vom Schneewittchen, das sich selbst im Wege steht und deshalb zum Aschenputtel mutiert, beinahe von selbst.

Tiffany Blechschmid (Johanna Wokalek) ist eigentlich die ideale Verkörperung der erfolgreichen, jungen Geschäftsfrau. Ihr Feinkostgeschäft mit Mittagstisch läuft hervorragend und die Verehrer stehen Schlange bei der hübschen, aber irgendwie verhuschten Unternehmerin. Äußerlich mit allen Glücksgütern gesegnet, peinigt sich die ehrgeizige Chefin mit überzogenen Ansprüchen, irrationalen Ängsten und unfassbaren Selbstzweifeln. Offenbar will sie die Kunst, sich unglücklich zu machen, zur Meisterschaft verfeinern. Ganz nach Watzlawicks Bonmot: „Unglücklich sein kann jeder; sich unglücklich machen aber will gelernt sein.“ Da ist es nur konsequent, dass jede Ampel extra für Tiffany auf Rot schaltet, jeder Sonnentag die Abwesenheit von Regen nur böswillig vortäuscht und jeder mögliche Liebhaber sofort den gefürchteten Nervositätsausschlag auf die Haut zaubert. Wenn dann noch die seit drei Jahren tote Mutter (Iris Berben) als Über-Ich leibhaftig wird und den schon nicht mehr für möglich gehaltenen One-Night-Stand mit bissigen Kommentaren begleitet, dauert es eben sehr lange, bis „die Liebe Tiffany trotzdem fand“, wie der Untertitel des Films verspricht.

Trotz des humorvollen bis sarkastischen Tons enthält Watzlawicks Sachbuch etliche bittere Wahrheiten. Und so stellt sich bei einer Verfilmung die Frage nach dem Verhältnis von Dur und Moll. Sherry Hormann („Wüstenblume“) hat sich für eine witzige Variante entschieden, mit vielen sehr guten Einfällen, jeder Menge Bildwitz und manchen hübschen Karikaturen. Das funktioniert bei einzelnen Szenen sehr überzeugend, so wie ja auch Watzlawicks Buch mit einprägsamen Episoden glänzt. Das große Ganze fügt sich jedoch nicht immer zusammen, was wohl auch damit zu tun hat, dass neben den skurrilen und nachdenklichen Szenen auch noch der Erzählkommentar mit einzelnen Zitaten aus dem Buch untergebracht werden muss.

Trotzdem war es höchste Zeit, dass nach Dokumentarfilmen wie „Glücksformeln“ oder „Das Glück der Anderen“ auch einmal die Skepsis gegenüber der positiven Psychologie ihren Platz im Kino bekommt. Denn die Wahrheit über das Glück scheint paradox zu sein. Wer so schön leiden kann wie Tiffany Blechschmid, kommt am Happy End einfach nicht vorbei. Oder um es mit Paul Watzlawick zu sagen, der sich dabei auf Dostojewski beruft: „Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, dass er glücklich ist.“

Peter Gutting


"Anleitung zum Unglücklichsein": Johanna Wokalek in der Verfilmung von Paul Watzlawicks Kultbuch
"Anleitung zum Unglücklichsein": Johanna Wokalek in der Verfilmung von Paul Watzlawicks Kultbuch

Datum: 09.11.2012

 

 
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