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And the Oscar goes to … 85 Jahre Bester Film

Eindrucksvolle Schau hinter die Kulissen

Groß war die Überraschung, als dieses Jahr mit „The Artist“ ein moderner Stummfilm den Oscar für den „Besten Film“ gewann. Aber das war allem Mainstream zum Trotz kein Einzelfall in der Geschichte des bekanntesten Filmpreises, wie die neue Ausstellung im Frankfurter Filmmuseum zeigt. „And the Oscar goes… 85 Jahre Bester Film“ bietet nicht nur Einblicke in Entscheidungen, die gegen alle Erwartungen getroffen wurden. Die anschaulich gegliederte Schau präsentiert darüber hinaus 150 Dokumente aus Hollywood-Archiven, die noch nie in Europa zu sehen waren. Die Ausstellung läuft bis 28. April 2013.

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1963 war das Jahr einer Sensation. Nicht „Cleopatra“ von Joseph L. Mankiewicz gewann in der Kategorie „Bester Film“ (sondern „nur“ in vier Nebenkategorien), die mit 44 Millionen Dollar bis dato teuerste US-Produktion. Auch „Das war der wilde Westen“ von John Ford, Henry Hathaway und George Marshall scheiterte in der „Königsklasse“. Die wichtigste Auszeichnung ging stattdessen an „Tom Jones“ von Tony Richardson, also an einen der Protagonisten des neuen britischen Kinos, und somit auch an einen Vorreiter der „neuen“ Wellen in anderen europäischen Ländern. Richardson beging aus Sicht des klassischen Studio-Systems gleich mehrere Todsünden. Er experimentierte mit wackligen Bildern, abrupten Montagesprüngen und Schauspielern, die direkt in die Kamera sprachen.

Wer in den 85 Jahren seit dem ersten Preisträger „Flügel aus Stahl“ (1927) jeweils das Rennen gegen wen machte, kann man in der neuen Sonderausstellung auf übersichtliche Weise nachvollziehen. Chronologisch werden in der Zeitachse die Nominierten eines Jahres und der Gewinner auf einer pultartigen Leiste präsentiert, die sich durch den gesamten Raum zieht. Dort gibt es Szenenfotos aus allen nominierten Filmen – in manchen Jahren fünf, in anderen zehn – sowie jeweils einen kleinen Bildschirm mit Ausschnitten aus dem Gewinnerfilm. Alles dreht sich dabei ausschließlich um die Kategorie „Bester Film“ – alle anderen der mittlerweile 24 Sparten müssen aus Platzgründen außen vor bleiben. Trotz der Beschränkung begegnet der Besucher knapp 500 Filmen, die zu den besten aller Zeiten zählen, zumindest was die amerikanische Kinematografie betrifft.

Das verführt, wie bei jeder Preisvergabe, zu Vergleichen. Warum hat zum Beispiel 1964 „My Fair Lady“ gegen „Dr. Seltsam“ gewonnen? Oder 1976 „Rocky“ gegen „Taxi Driver“? Oder 1998 „Shakespeare in Love“ gegen „Das Leben ist schön“ von Roberto Benigni, einen der wenigen Filme, der es trotz der Hollywood begünstigenden Auswahlkriterien direkt in den Wettbewerb der Königsklasse schaffte und nicht nur im Rennen um den „besten nicht englischsprachigen Film“ antreten musste?

Hinweise für eine Antwort auf das „Shakespeare in Love“-Beispiel gibt eine der zehn Themeninseln, die die zeitliche Chronologie auf sinnvolle Weise unterbrechen, um allgemeine Aspekte der Preisvergabe ins Spiel zu bringen und jeweils von einem der zehn nach Frankfurt verliehenen Original-Oscars flankiert werden. Im Falle von „Shakespeare“ ist dies die Frage nach den enormen wirtschaftlichen Folgen nicht nur des (undotierten) Oscar-Gewinnes, sondern bereits einer Nominierung. So spielte „Shakespeare“ zwei Drittel seiner Einnahmen erst nach der Nominierung ein.

Das führte schon in den 1930er und 1940er Jahren zu enormen Werbekampagnen und zu Beeinflussungsversuchen der heute rund 6.000 Filmschaffenden, die Mitglieder der „Academy of Motion Picture Arts and Sciences“ sind und in der Kategorie „Bester Film“ sowohl die Nominierungen als auch den Gewinner bestimmen. So versuchte etwa John Wayne im Jahr 1960 die Stimmberechtigten mit Anzeigen im Fachblatt „Variety“ auf seine Seite zu ziehen, die ganz unverhohlen zu patriotischen Parolen griffen. Nach dem Motto: Wenn du ein guter Amerikaner bist, dann wählst du meinen Film „The Alamo“. Gewonnen hat dennoch „The Apartment“ von Billy Wilder.

Von Billy Wilder stammt auch eine der zahlreichen Anekdoten, die auf ausgestellten Briefen, Protokollen oder Notizzetteln zu finden sind. „Sie machen mich verrückt“ antwortet der Regisseur 1944 einem Studioangestellten, der aus Rechtsgründen die Änderung von Namen der handelnden Figuren verlangt, nur weil es in Los Angeles tatsächlich Männer gleichen Namens gibt. Nicht ohne Sarkasmus schlägt Wilder vor, sämtliche Filmnamen in die von Paramount-Angestellten zu ändern - und den Namen des Schauplatzes von „Los Angeles“ in „Bologna“. Letzteres zur Vorbeugung gegen den Fall, dass sich ein Bürger der amerikanischen Stadt durch die Verwendung des Namens beleidigt fühlen könnte.

Ein paar Schritte entfernt gibt ein ebenso unscheinbares Blatt Auskunft darüber, welch hartem Urteil sich auch etablierte Schauspielerinnen aussetzen mussten, wenn sie für einen Film von Alfred Hitchcock vorsprachen. So kanzelt der Meister des Suspense in einem für Produzent David O. Selznick bestimmten Casting-Protokoll für seinen Film „Rebecca“ die Damen als „zu fragil“, „zu groß und süßlich“ oder „zu russisch aussehend“ ab. Selbst dem Star Joan Fontaine, die letztlich die Rolle bekam, bescheinigt Hitchcock in seinem ersten Eindruck zu wenig Wirkung. Erst im Laufe des Casting-Prozess scheint er seine Meinung geändert zu haben.

Zusammen mit den großformatigen Plakaten, den oft kunstvollen Kostüm- und Szenenbildentwürfen und den wenigen Requisiten (unter anderem das Schwert aus „Braveheart“) beleuchten diese Ausstellungstücke den Entstehungsprozess eines Filmes aus jedem Jahr – nicht notwendigerweise die des Gewinnerfilms, sondern in vielen Fällen die eines „nur“ Nominierten. Sie stammen aus der Bibliothek und dem Archiv der Akademie, die keineswegs nur zum Zwecke der Preisverleihung gegründet wurde. Sie kümmert sich auch um das Film Erbe und beherbergt unter anderem mehr als 11.000 Drehbücher und rund zehn Millionen Fotos. Ein Teil der Dokumente soll demnächst in einem eigenen Museum zugänglich gemacht werden, dessen Eröffnung für 2016 geplant ist. Bis dahin sind die 150 Exponate, die die Frankfurter dank ihrer jahrelangen Kooperation mit den US-Archivaren an den Main holen konnten, natürlich längst wieder zurück. Denn im Sommer 2013 wird die Frankfurter Schau in Los Angeles gezeigt.

Peter Gutting


Zehn Original-Oscars sind in  Frankfurt in der Ausstellung And the Oscar® goes to… zu sehen. Quelle: Deutsches Filminstitut / Foto: Uwe Dettmar
Zehn Original-Oscars sind in Frankfurt in der Ausstellung And the Oscar® goes to… zu sehen. Quelle: Deutsches Filminstitut / Foto: Uwe Dettmar

Pantages Theatre Quelle: A.M.P.A.S. ®
Pantages Theatre Quelle: A.M.P.A.S. ®

Plakat zu WINGS (USA 1927, R: William A. Wellman) Quelle: A.M.P.A.S. ®
Plakat zu WINGS (USA 1927, R: William A. Wellman) Quelle: A.M.P.A.S. ®

Datum: 16.11.2012

 

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