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Kerstin Hensel: Das gefallene Fest

Emotionale Schwarzfahrten

In der 2011 von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen begründeten Reihe „Neue Lyrik“ stellen die Herausgeber Jayne-Ann Igel und Jan Kuhlbrodt etablierte und debütierende Dichter in wechselnder Reihe vor. Schon die ersten Bände, die im Leipziger Poetenladen Verlag erschienen, haben Gewicht. Thilo Krause erhielt für sein beachtliches Debüt „Und das ist alles genug“ prompt den Eidgenössischen Literaturpreis; neben Krause veröffentlichte auch Michael Fiedler hier seinen ersten eigenen Band; Anne Dorns „Wetterleuchten“ wurde höchst positiv besprochen und ging rasch in die zweite Auflage. Nun folgt mit Kerstin Hensels „Das gefallene Fest“ das vierte Buch (96 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, 16,80 Euro).

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„Die Hoffnung fährt schwarz / In der Stadtbahn im Überlandbus / Liegt sie auf der hintersten Bank“ beginnt der Gedichtband – mit jenem Gedicht, das der von Anton G. Leitner 2011 herausgegebenen Anthologie „Die Hoffnung fährt schwarz“ ihren Titel gab; ein Buch, das vor allem in Bayern für Kontroversen sorgte, weil einige katholische Erzkonservative meinten, sich in die Kunstfreiheit einmischen zu müssen und gegen den vermeintlichen „Nihilismus“ schossen, der die Gedichte beseele – unter ihnen auch ein ehemaliger Kulturminister, der beinahe Ede „Äh“ Stoiber im höchsten Amt des Freistaates beerbt hätte.

Soviel zum Einstieg – in der Regel, so auch hier, spricht es für den Künstler, wenn er von solchen Leuten attackiert wird. Diesmal dürften die Attacken weniger, die Glückwünsche mehr werden, nicht zuletzt weil Kerstin Hensel nicht in Bayern, sondern in Berlin lebt; sie wurde bislang unter anderem mit dem Leonce-und-Lena-Preis ausgezeichnet.

Kerstin Hensel spielt gerne mit Wörtern, und obwohl sie sich in einem Gedicht selbst einen Hang zum Kalauer diagnostiziert, tut sie das meisterlich und meist treffsicher, etwa wenn sie aus der Infanterie eine Infantillerie macht oder sich in einer nicht weniger augenzwinkernden Hommage an Walther von der Vogelweide und Volker Braun über die Verständlichkeit von Gedichten hermacht: „Verschlüsselt bleibt dein Text wie alles offen“.

Sie geht durch den Alltag und reißt mit trockenem Humor Fassaden ein, so wie hier: „STARGATE. Auf dem deutsch-amerikanischen Volksfest sah ich die Leute eine dreiviertel Stunde kopfüber in einer Gondel festhängen. Ihr Blut floß andersherum. Das war ein Schöckchen, aber es gab keine Toten.“ Interessant auch die Form, auf die im Untertitel (Gedichte und Denkzettel) hingewiesen wird: Vieles kommt prosaisch daher, könnte Gedicht sein, wird aber nicht in Verse gebrochen und steht so bezeichnend hinter dem hintersinnigen Begriff „Denkzettel“ in Form kurzer, höchst prägnanter und präziser, entlarvender Notizen und Gedankenblitze in hoher Vollendung. Bei allem Humor findet sich auch tiefe Düsternis, vor allem wenn es um Erlebtes geht und um das historische Erinnern, die eigene Vernetzung mit dem Elend, sei es nun anhand der geographischen Herkunft oder der Verzweigungen des Stammbaums in unangenehme Richtungen. Alles wird hinterfragt, das eigene Sein ebenso wie das eigene Werk und der Schreibprozess an sich. Das Wundervolle an diesen Texten ist, wie ungefällig sie sind, sie wollen keine Zustimmung, sondern sie lauern darauf, den Leser in Stolperfallen zu locken, ihn seinem Alltag und seinen angewöhnten und antrainierten Haltungen zu entreißen. Womit wir wieder am Anfang wären, denn: So etwas passt gewissen Kreisen bis heute nicht. Und das ist gut so.

Gerrit Wustmann


Kerstin Hensel: Das gefallene Fest (Poetenladen Verlag 2012)
Kerstin Hensel: Das gefallene Fest (Poetenladen Verlag 2012)

Datum: 03.01.2013

 

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