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Tina Gharavi: Die Situation wird kippen

Im Interview mit der Regisseurin von „I Am Nasrine“

Zur Zeit läuft „I Am Nasrine“, das Spielfilmdebüt der iranischstämmigen Regisseurin Tina Gharavi, auf Festivals weltweit, im Februar soll er auf DVD erscheinen. Beim Brooklyn Film Festival wurde er für das Beste Drehbuch ausgezeichnet, war außerdem für einen BAFTA Award nominiert. Ben Kingsley bezeichnete ihn als „wichtigen und sehr notwendigen Film“. Gharavi zeichnet darin das einfühlsame Portrait einer jungen Iranerin, die nach England flüchtet und dort zwischen allen Stühlen sitzt auf der Suche nach einer neuen Identität. Ein Film, der nicht nur ein Schlaglicht auf die heutigen Verhältnisse in Iran wirft, sondern auch das Dilemma von Flüchtlingen in den Mittelpunkt stellt, die sich mit einer neuen Kultur arrangieren wollen, ohne die eigene aufzugeben oder zu verleugnen. Gharavi drehte Teile des Films ohne Drehgenehmigung in Teheran – ein gefährliches Unterfangen. Auf dem Höhepunkt der Zusammenstöße zwischen Opposition und Regierungskräften nach den Wahlfälschungen im Juni 2009 schmuggelte sie das Material außer Landes…

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Frau Gharavi, nach der Islamischen Revolution gingen Sie ins Exil nach England und kehrten zwei Jahrzehnte später zurück. Was war der Anlass?

Gharavi: Nach dreiundzwanzig Jahren im Exil kehrte ich nach Iran zurück, um meine Mutter zu treffen. Für den britischen Channel 4 drehte ich eine Film mit dem Titel „Mother / Country“. Das war ein besonders emotionale Erfahrung: ich dachte darüber nach, wie ich diese faszinierende Kultur verlassen hatte und dass Kinder von Migranten in gewisser Weise Kinder einer dritten Kultur sind. Diese Kinder sind weder „östlich“ noch „westlich“, sondern irgendwie beides. Ich wollte die Geschichte der ersten Migrantengeneration erzählen. 2001 lud ich Einwanderer zu mir nach Hause in England ein und sprach mit ihnen über ihre Erfahrungen. Die meisten hatten einen Flucht-Hintergrund, hatten hier Asyl gesucht. Die Exilerfahrung hat auf viele Menschen großen Einfluss, vor allem was die Themen Identität und Zugehörigkeit betrifft.

Und daraus entstand dann Ihr Film „I Am Nasrine“…

Gharavi: Der Charakter Nasrine ist eine Komposition der Geschichten vieler Frauen, mit denen ich acht Jahre lang gearbeitet habe, und auch mein eigener Background ist mit eingeflossen. Das Filmteam stellte ich ebenfalls schon 2001 zusammen, sodass alle am Schreibprozess teilhaben konnten. Viele Nuancen der Figur fügte Misha Sadeghi hinzu, die Nasrine spielt und ihr selbst sehr ähnlich ist. Mir war es wichtig, der Exilerfahrung ein menschliches Gesicht zu geben, wollte vor allem jungen Menschen klarmachen, weshalb die Flüchtlinge nach England kommen und was sie durchmachen.

Inwiefern spiegelt der Film die derzeitige Situation der iranischen Gesellschaft?

Gharavi: Ich wollte einen Film über das wirkliche Iran schreiben, nicht das fiktive Land, das dem westlichen Publikum viel zu oft vorgesetzt wird. Iranische Filmemacher sind daran auch mitschuldig. Sie lassen Iran exotischer und romantischer erscheinen, als es ist. Für mich ist Iran ziemlich normal. Ich wollte Stereotypen durchbrechen. Nicht jeder in Iran ist religiös oder arm. Die Teenager sind ihren westlichen Gegenparts in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich. Es geht um Vertreibung und um das Aufwachsen und die Selbstfindung in einer repressiven Gesellschaft.

Nasrine steht stellvertretend für viele junge Frauen, die in Iran unter der Chamenei-Regierung aufwachsen. Sie kämpft nicht nur äußere, sondern auch innere Kämpfe…

Gharavi: Nasrine ist eine Außenseiterin in ihrem eigenen Zuhause. Sie ist eine Rebellin, die große Mühe hat, unter diesem Unterdrückerregime ihre eigene Identität zu entwickeln. Aber wie jeder Teenager will sie ihr Heimatland nicht verlassen. Alles was sie will ist, zu überleben und Luft zum Atmen zu haben. Und dann ist sie plötzlich im westlichen Exil, wo sie in eine Schublade gesteckt wird und gegen eine Identität ankämpfen muss, die sie gar nicht für sich gewählt hat. Ali, ihr Bruder, nimmt die neue Situation als Möglichkeit, jemand anders zu sein als er eigentlich ist. Die Erfahrung von Flucht und Exil hat große Auswirkungen auf die eigene Identität, sie kann traumatisch sein, aber sie kann auch neue Möglichkeiten eröffnen.

Die Arbeit an „I Am Nasrine“ dauerte sieben Jahre – weshalb so lange?

Gharavi: Das lag an der Finanzierung. Es war sehr schwierig, diesen Film zu machen. Das Skript auszuarbeiten, viel mit Improvisation zu arbeiten, all die beteiligten Personn zu integrieren, in Iran zu drehen … von den Szenen mit Pferden mal ganz abgesehen. Wir mussten die Arbeit mehrmals unterbrechen und erst Geld für die nächste Phase auftreiben. Unser Timing war schlecht, denn das UK Film Council stellte gerade seine Arbeit ein, als wir Fördermittel benötigten. Am Ende fanden wir private Geldgeber, die uns unterstützten.

Einen Teil des Films haben Sie in Iran ohne behördliche Genehmigung gedreht – führte das zu Problemen?

Gharavi: Dass wir keine wirkliche Drehgenehmigung hatten, setzte uns sehr unter Druck. Ich machte mir Sorgen, was mit den Schauspielern geschehen würde, wenn man uns festnehmen würde – einer war Brite und nur mit einem Touristenvisum im Land. Es war ein kalkuliertes Risiko, über das wir zuvor lange diskutiert hatten. Aber die Authentizität der Originalschauplätze war uns enorm wichtig. Wir hatten die Drehgenehmigung für einen anderen Film, der zur selben Zeit gedreht wurde. Wir waren dort als Second Unit Crew dabei. Wenn uns die Polizei befragte, was zweimal geschah, sprang mein Regieassistent als Regisseur ein.

Und als Sie die Aufnahmen außer Landes bringen wollten, wurden Sie beinahe verhaftet. Wie sind Sie aus der Situation herausgekommen? Immerhin waren die Sicherheitskräfte während der Proteste im Sommer 2009 besonders aufmerksam…

Gharavi: Ich hatte die Festplatten in meiner Handtasche. Als ich zum Flughafen kam war ich müde und ausgelaugt. Ich hatte über die Risiken zu wenig nachgedacht. Gerade waren im Zuge der Proteste einige Journalisten verhaftet worden, und als die Polizei mich nach der Passkontrolle sprechen wollte, bekam ich Panik. Mein Glück war, dass die Beamten nur wenig Englisch sprachen und mein Farsi sehr schlecht ist. Weil die Kommunikation nicht funktionierte winkten sie mich durch und schüttelten verwundert die Köpfe über eine Iranerin, die ihre Muttersprache nicht beherrscht. Erst als die Maschine gestartet war wurde mir bewusst, dass ich es geschafft hatte. Aus jetziger Sicht hätte ich vorsichtiger sein müssen.

Sie waren während der Proteste der Grünen Bewegung gegen die Wahlfälschungen in Iran – was haben Sie dort erlebt?

Gharavi: Ich habe nicht selbst an den Protesten teilgenommen, obwohl ich wollte. Was mir bewusst wurde, während ich meine Mutter besuchte, war, weshalb die Grüne Revolution scheiterte: Weil vor allem die gut situierte Mittelklasse sich nicht beteiligte. Es waren die Jungen, die protestierten, die sich nicht mit den bestehende Verhältnissen abfinden wollten, aber die Mittelklasse wollte kein Risiko eingehen, hatte sich mit dem Status Quo abgefunden.

Wie schätzen Sie die derzeitige politische Situation ein?

Gharavi: Ich mache mir große Sorgen. Iran scheint auf die nächste Revolution zu warten. Je aggressiver und restriktiver die Regierung sich verhält, desto frustrierter sind die Menschen. Die Kriegsdrohungen aus Israel und den USA beschwören eine desaströse Zukunft herauf. Die Sanktionen haben dafür gesorgt, dass die Situation sehr angespannt ist. Wir sind zweifellos kurz vor dem Endspiel. Einerseits will ich, dass das Regime geht, andererseits ist mir der Schutz meiner Familie und Freunde in Iran wichtig. Viele Iraner haben Angst vor einer Intervention von außen, seit sie gesehen haben, was im Irak und in Afghanistan geschehen ist. Aber es ist klar, dass die jetzige Situation kippen wird.

Das Gespräch führte CineTreff-Redakteur Gerrit Wustmann


Datum: 20.02.2013

 

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