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Bettina Hesse: Am Ende anfangen

Wo beginnt das Erinnern, wo beginnt das Ich?

Die sechste der „Zwölf Farben“ ist soeben erschienen: Herausgeberin und Initiatorin Bettina Hesse hat das Kölner Literaturprojekt nicht nur ins Leben gerufen, sondern liefert zusammen mit ihrer Erzählung „Am Ende anfangen“ auch eine Poetologie, die über den Text hinausweist und Licht wirft auf das, was sie sich mit der Reihe gedacht hat. Es geht um Farben, Gefühle und den Blick hinter den Vorhang, unter die Oberfläche.

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Farben transportieren Emotionen, fast ebenso stark wie Gerüche, und beides weckt oft Erinnerungen – an ein Erlebnis, an einen Menschen. Wir sind die Summe unserer Erinnerungen, doch die Erinnerung neigt dazu, uns Streiche zu spielen. Hat man dies oder jenes wirklich so erlebt, oder verklären wir die Vergangenheit im Rückblick? Legen wir uns unsere eigene Realität zurecht, malen wir unsere Biografie in Farben, die wir denen der Realität bevorzugen? Haben wir damals, wurden wir damals geliebt, oder behaupten wir das bloß? Und warum? Um die Vergangenheit, um uns, unsere Geschichte für uns selbst, für andere, in einem besseren Licht erscheinen zu lassen? Wer sind wir?

Die Protagonistin ist um die fünfzig, hat wie die Autorin lange Jahre in Italien gelebt und erinnert sich aus Anlass des baldigen Wiedersehens an eine stürmische Liebschaft in jungen Jahren, der sie sich recht unterwürfig hingab, nur um am Ende (man ahnt es) enttäuscht zu werden. Die Handlung selbst folgt dabei recht klaren Linien und abgesteckten Grenzen, die im deftig-erotischen ausgelotet werden, während die Erzählhaltung und die Zeitform einen Hinweis darauf geben, was real erinnert und was verklärt ist in unsicherer Erwartung der Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit.

Folgerichtig sind die drei Kapitel der Geschichte mit Farben betitelt, mit denen die Autorin bestimmte Elemente verbindet – die der Leser, ebenso wie weitere Anspielungen auf literarische Vorbilder, auch ohne die Poetologie gelesen zu haben, entschlüsseln kann, da sie sich recht offen vor ihm ausbreiten. Neben den ontologischen Fragestellungen, die durchaus interessant sind, bricht Hesse eine Lanze für die direkte, unverstellte Erotik und gar den reflektierten Kitsch, die beide in Zeiten von „Shades Of Grey“ und „Feuchtgebiete“ scheinbar in Verruf gekommen sind. Aber sind sie das wirklich? Wer außer verklemmt-konservativen Lesern hat je die Erotik bei Philip Roth bemängelt? Im Gegenteil, es ging mitunter sogar so weit, dass banale Altherren-Wichsliteratur wie Henry Miller mit kultureller Bedeutung aufgeladen wurde. Die Frage, die Hesse auch indirekt stellt, müsste eher sein: Was gibt es auf diesem Feld nach De Sade und Sacher-Masoch überhaupt noch zu sagen? Eine Frage, die freilich ungeklärt bleiben muss.

„Am Ende anfangen“ kommt auf den ersten Blick einfach gestrickt, ja schablonenhaft daher: Eine unterwürfige deutsche Frau verliebt sich in den italienischen Macho, der sie vor allem im Bett mit seiner plakativen Männlichkeit beeindruckt (darf man sowas in Zeiten von #Aufschrei überhaupt noch? Ja, jetzt erst recht!); Jahre später hofft sie, obwohl er sie damals für eine andere, jüngere, verlassen hat, auf ein Revival. Die Poetologie ist hier nötig, um die kontroversen Gedankengänge, die dem Text zugrunde liegen, zu erörtern; es ist der seltene Fall, in dem der Text nicht unabhängig von der Poetologie funktionieren kann, wo beide eine untrennbare Einheit bilden – was „Am Ende anfangen“ vielleicht zur Essenz der Reihe „Zwölf Farben“ macht. (gw)


Bettina Hesse: Am Ende anfangen; Edition Zwölf Farben, Köln 2013
Bettina Hesse: Am Ende anfangen; Edition Zwölf Farben, Köln 2013

Datum: 07.03.2013

 

 
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