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Gaye Boralioglu: Der hinkende Rhythmus

Blick in Istanbuls Armenviertel

Jeder, der Istanbul kennt, kennt auch sie: Die Armen der Stadt, die überall dort, wo viele Menschen sind, versuchen, Wasser, Zigaretten, Taschentücher oder Rosen zu verkaufen, um sich irgendwie über Wasser zu halten, und oft sind es Kinder, die als Straßenhändler auftreten. Die Istanbuler Autorin Gaye Boralıoğlu wirft in ihrem jüngst bei Binooki erschienen Roman „Der hinkende Rhythmus“ einen farbenfrohen Blick in jene Bezirke der Stadt, in die sich Touristen eher selten verirren.

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Tarlabaşı ist ein Armenviertel in Istanbul, in dem zur Zeit die Bagger anrücken. Nur wenige Laufminuten von der touristischen Istiklal Caddes entfernt stehen verfallene historische Häuserzüge, von denen einige unlängst von Immobilieninvestoren aufgekauft wurden. Ein neues In-Viertel mit edlen Fassaden und teuren Geschäften soll entstehen. Über die Menschen dort walzt der Raubtierkapitalismus einfach hinweg. Darum geht es nicht in Boralıoğlus Roman. Er spielt einige Jahre zuvor. Und doch hat der Leser dieses Wissen immer im Hinterkopf, wenn er von Menschen liest, denen es gerade so gelingt, über die Runden zu kommen, und die sich in ihrem sozialen Mikrokosmos eingerichtet haben.

Im Zentrum der Erzählung steht das fünfzehnjährige Romamädchen Güldane, die auf den Straßen und an den Ampeln Rosen verkauft, anfangs noch unsicher und schüchtern, dann aber immer zielstrebiger. Es gelingt ihr trotz allem, der entwürdigenden Arbeit, bei der sie nicht selten beleidigt und beschimpft wird, etwas Positives abzugewinnen. Und im Hinterkopf hat sie stets den schiefen Takt der Musik, die ihr kleiner Bruder Yunus spielt, mit dem sie ein Geheimnis verbindet, von dem die Eltern Safiye und Cevdet nichts erfahren dürfen. Während sich Safiye mit Inbrunst um die kleine Familie kümmert, ist Cevdet ein launischer Trinker, der aufgrund seiner krummen Geschäfte und seiner impulsiven Art immer wieder in Schwierigkeiten gerät, vielleicht gerade deshalb genießt er hohes Ansehen im Viertel. Und dass er die Leute mit Drogen versorgt, spielt sicher auch eine Rolle.

Alles ändert sich, als Güldane dem Taxifahrer Hilal begegnet, der fasziniert von ihr ist und ein perfides Spiel mit ihr treibt, das schließlich in einem verheerenden Autounfall mündet. Danach ist nichts mehr wie vorher. Lange liegt er im Koma, braucht Wochen, um sein Augenlicht zurückzugewinnen, und irgendwann erinnert er sich an Güldane und daran, dass sie etwas mit seinem Unfall zu tun haben könnte. Er sinnt auf Rache. Aber Güldane hat ihre eigenen Pläne, und am Ende kommt alles ganz anders.

Obwohl die Handlung mitunter konstruiert wirkt, gelingt es der Autorin, einen faszinierenden Blick hinter die Kulissen Istanbuls zu werfen und ein Bild der Stadt zu zeigen, das man als Außenstehender allenfalls erahnen kann. Es geht um Außenseiter und Underdogs, deren Leben nichts zu tun hat mit dem, was die Touristenbüros so gerne verkaufen, eine Welt, die ihre eigenen Regeln und Gesetze hat. „Der hinkende Rhythmus“ ist ein vielschichtiges Buch, dessen Figuren zwischen Verzweiflung und blanker Lebensfreude taumeln und sich nicht auch noch das letzte nehmen lassen wollen, was sie ausmacht: Ihre Identität.

Gerrit Wustmann


Datum: 16.03.2013

 

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