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Je härter die Realität, desto kreativer das Kino

goEast Festival in Wiesbaden

In Georgien gibt es nur noch zwei Kinos. Und doch kommen aus der ehemaligen Sowjetrepublik ästhetisch beindruckende Filme voller Kraft und Genauigkeit. Bereits zum dritten Mal innerhalb von fünf Jahren gewann mit „In Bloom“ ein georgischer Film dem Hauptpreis beim goEast-Festival in Wiesbaden. Fast könnte man schon von einer neuen georgischen Welle sprechen, ähnlich wie in Rumänien oder Griechenland, wo ebenfalls kreative Geister mit schwierigsten materiellen Bedingungen zu kämpfen haben.

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Filme, wie man sie beim goEast-Festival zu sehen bekommt – dieses Jahr in seiner 13. Ausgabe -, haben es schwer, in Deutschland einen Verleih zu bekommen. Vielleicht ändert sich das in diesem Jahr. Denn durch die Berlinale 2013 hat das osteuropäische Kino eine neue Aufmerksamkeit bekommen. Völlig zu Recht, denn die Filmemacher der jungen und mittleren Generation können anknüpfen an nationale Filmtraditionen, die das europäische Kino ungeheuer bereichert haben. Man denke nur an die Prager Filmschule, an polnische Filmemacher wie Andrzej Wajda und Krzysztof Kieslowski oder an den Russen Andrei Tarkowski.

Was wird aus diesen Traditionen, nachdem sich der Ostblock aufgelöst hat und die alten Strukturen weggebrochen sind? Wie reagieren Filmemacher auf die Krisen in ihren Ländern? Und wie kann man im Westen Aufmerksamkeit schaffen für das, was sich da tut? Diese Fragen führten 2001 zum ersten goEast-Festival, das von Deutschen Filminstitut in Frankfurt ins Leben gerufen und ganz bewusst in Wiesbaden angesiedelt wurde. Denn die Kurstadt war schon seit dem 19. Jahrhundert bei russischen Gästen beliebt und es gab von den 1950ern bis Ende der 1980er Jahre osteuropäische Filmwochen, die vom Deutschen Filminstitut konzipiert und unter anderem in Wiesbaden veranstaltet wurden.

Familie und Beziehungen, meist gescheitert oder ernsthaft bedroht – dieser rote Faden zog sich durch viele der Wettbewerbsfilme in diesem Jahr. Aber, und das ist das Besondere, es waren keine klassischen Formen – etwa Melodrama oder Beziehungskomödie – in denen hier erzählt wurde. Sondern individuelle Schicksale, die nur verständlich werden auf der gesellschaftlichen Folie, die immer mitschwingt, in einer kunstvoll eingewobenen, ganz unaufdringlichen Weise.

So etwa beim eingangs erwähnten Wettbewerbssieger „In Bloom“ von Nana Ekvtimishvili und Simon Groß, einer Geschichte über zwei 14-jährige Mädchen, die sich lebensfroh durch ein von postsowjetischen Wirren erschüttertes Tiflis und durch ihre zerstrittenen Familien schlagen. Als eine von beiden zwangsweise verheiratet wird, stellt das die Freundschaft auf eine harte Probe. Doch selbst in dieser männerdominierten Gesellschaft, das schildern die Regisseure in ebenso realistischen wie zärtlichen Bildern, haben Gewalt und Erpressung nicht das letzte Wort.

Auch der serbische Beitrag „Circles“ von Srdan Golubovic besticht durch die kunstvolle Verflechtung von Politik und familiär-privaten Verhältnissen. Es geht darum, ob sich das Opfer des serbischen Soldaten Marko im Bosnienkrieg gelohnt hat, der in einem Akt der Zivilcourage das Leben eines bosnischen Kioskbetreibers rettete und dafür von seinen serbischen Kameraden getötet wurde. Beeindruckend dabei ist weniger die abermalige Rückkehr zu dem Trauma der Balkankriege als vielmehr die filmsprachliche Kraft, mit der Golubovic die Vergangenheitsbewältigung zu einem packenden Thriller formt. Wie schon bei seinem Vorgängerfilm „Klopka – Die Falle“ erweist sich der Regisseur erneut als Meister der hochmoralischen Erzählung in Gestalt des Spannungskinos.

Dass die rumänische Welle weiter rollt, beweist nicht nur Berlinale-Gewinner Peter Calin Netzer, dessen „Mutter und Sohn“ am 23. Mai in die Kinos kommt. Sondern auch „Rocker“, der zweite Film von Marian Crisan. In intimen, sehr persönlichen Bildern erzählt der Film von einem 45-jährigen, offenbar erfolglosen Musiker, der sich mit Gelegenheitsjobs und Gaunereien über Wasser hält. Seine ganze Leidenschaft gilt dem drogenabhängigen Sohn, der in einer Rockband singt und so viel Talent hat, dass er die Träume des Vaters wahr machen könnte. Schonungslos bis an die Schmerzgrenze, lotet Marian Crisan neben den düsteren aber auch die hoffnungsvollen Facetten dieser Ko-Abhängigkeit aus.

Sehr auf die Abgründe zwischenmenschlicher Beziehungen konzentriert sich auch „Betrayal“ von Kirill Serebrennikov, eine Vierecksgeschichte in kühlen, oft traumhaft verfremdeten Einstellungen. Wie verloren in der Welt des Verrats spielt Franziska Petri eine Ärztin, die ihrem Patienten ganz unvermittelt ins Gesicht sagt, dass ihr Mann sie betrügt – und zwar mit der Frau des Patienten. Was dazu führt, dass nun schon zwei Racheengel versuchen müssen, mit Schmerz und Verlust klarzukommen. Der Film mag dramaturgische Schwächen in Form von unvermittelt brüsken Wendungen haben, aber er überzeugt durch das atmosphärische Gespür beim Eintauchen in betörend schöne Bilder, unter deren glatten Oberflächen die unterdrückten Gefühle wüten.

Serebrennikovs Film ist auch ein schönes Beispiel dafür, wie wichtig das Wiesbadener Festival für die Vernetzung von Ost und West ist. Schauspielerin Franziska Petri saß 2007 bei goEast in der Jury und war begeistert von „Opfer vom Dienst“, der damals eine lobende Erwähnung erhielt (wie übrigens auch 2013 der aktuelle Film). Dass sie einmal selbst eine Hauptrolle bei dem bewunderten Regisseur spielen würde, davon wagte die Schauspielerin damals gar nicht zu träumen, wie sie in Wiesbaden verriet. Aber das Warten hat sich gelohnt. Für ihre Rolle in „Betrayal“ wurde Franziska Petri beim Filmfestival von Abu Dhabi und beim Tallinn Black Nights Filmfestival jeweils als „beste Schauspielerin“ ausgezeichnet.

Peter Gutting


Datum: 19.04.2013

 

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