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20. Internationales Trickfilmfestival Stuttgart

Blind Date mit „Angie“

Dass Politiker tricksen können, ist bekannt. Dass sie aber unter die Trickfilmer gehen, wäre neu. Immerhin: Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat sich zur Eröffnung des 20. Internationalen Trickfilmfestivals eine Erklärung der Stop-Motion-Technik in den Mund legen lassen, wie sie die viel zitierte schwäbische Hausfrau nicht besser hätte formulieren können: Mit dem Einkaufswagen den Gang im Supermarkt versperren, dann ein Stück bewegen, wieder stoppen und so weiter. Jenseits der Parodie steckt in dem Bekenntnis zu Stop-Motion aber ein Stückchen Wahrheit. Der Puppentrick erlebt derzeit einen Höhenflug, und zwar nicht nur in 3D-Filmen wie „ParaNorman“ oder „Frankenweenie“. Konsequenterweise ging der Hauptpreis im stark besetzten Internationalen Kurzfilmwettbewerb an eine Stop-Motion-Animation: „Oh Willy“ von den Belgiern Emma de Swaef und Marc James Roels räumte auch in Stuttgart groß ab, nachdem ihr Film schon auf vielen anderen Festivals erfolgreich war.

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Nicht nur der Boom der Puppen fiel dieses Jahr ins Auge. Neben witzigen Spielereien gab es erstaunlich viele politisch inspirierte Kurzfilme, vom Flüchtlingsdrama über den Holocaust-Schocker bis hin zum Kanzlerinnen-Schwanengesang. Dabei zeigte sich einmal mehr, wie sehr die Gestaltungsfreiheit des Animationsfilms platte Botschaften vermeiden hilft, zugunsten von subtilen, schrägen und immer wieder überraschenden Erzähl- und Bildstrategien, die in ihrer Aussage trotzdem kein Blatt vor den Mund nehmen. Da geht es zum Beispiel um zwei Schafherden, die sich am liebsten gemeinsam auf der Wiese tummeln und erst dann von der Völker verbindenden Solidarität ablassen, wenn man ihnen zwecks Unterscheidung Muster ins Fell schneidet. Die unterhaltsame Parabel „Oh Sheep“ ist die Abschlussarbeit von Gottfried Mentor an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Sie zeigte zusammen mit anderen Beiträgen aus dem „Ländle“, wie stark sich der Animationsstandort Stuttgart-Ludwigsburg in den letzten Jahren entwickelt hat. Mittlerweile eröffnen Special Effect-Studios aus den USA wie zum Beispiel „Look Effects“ (Hauptsitz in Los Angeles, Effekte für „Black Swan“) Filialen in Stuttgart, unter anderem wegen des deutschen Filmfördersystems und wegen der gut ausgebildeten Absolventen.

Aufs politische Parkett wagt sich auch ein Professor an der Filmakademie. Jochen Kuhn malt sich in „Sonntag 3“ ein Blind-Date mit Kanzlerin Angela Merkel aus. Die möchte hier einmal nicht als „Eiserne Lady“ wahrgenommen werden, sondern ganz einfach nur kuscheln. Das ist lustiger und hintergründiger, als es sich in der bloßen Inhaltsangabe anhört, denn Kuhn lässt den satirischen Off-Dialog vor einem Gemälde stattfinden, das er nach und nach verändert. Das erzeugt eine witzige Spannung zwischen der seriösen Oberfläche und den allzu menschlichen, aber wie durchs Schlüsselloch beobachteten Sehnsüchten.

Ganz unterschiedlich gehen zwei Animationen die Flucht aus Afrika übers Meer nach Europa an. In „Villa Antropoff“ von Kaspar Jancis und Vladimir Leschiov sieht der Zuschauer comichaft gezeichnete Figuren, die zunächst nichts miteinander zu tun haben. Die einen – russisch anmutende Neureiche mit Mafia-Manieren – feiern eine Hochzeit mit allem Saus und Braus. Der andere – ein dunkelhäutiger Habenichts – steigt am Strand in eine Holzkiste. Lange bleibt offen, was die beiden parallel geführten Handlungen miteinander zu tun haben. Und am Ende löst sich das Rätsel buchstäblich in einem großen Knall auf – hervorragend gemacht und ebenso witzig wie nachdenklich stimmend. Der Franzose Luc Perez erzählt dagegen in „Miniyamba“ dieselbe Geschichte auf musikalisch bewegende Weise. Er kombiniert die leuchtenden, intensiven Farben des Leidensweges mit afrikanischem Mali-Blues, aus dem sein Protagonist immer wieder neuen Mut schöpft.

Nicht nur bei den Kurzfilmen, auch im Langfilmwettbewerb kamen viele sehr gute Beiträge aus Frankreich, wo sich in den letzten Jahren eine besonders rege Trickfilmkultur entwickelt hat. Zu ihr trug auch der vom Realfilm kommende Patrice Leconte („Der Mann der Friseuse“) bei. Mit „Le Magasin des Suicides“ entwirft er das morbid-lustige Porträt einer Familie, die Utensilien für Selbstmörder vertreibt und nichts weniger brauchen kann als ein Kind, das von morgens bis abends gute Laune versprüht. Die 3D-Produktion besticht durch ihre skurrilen Figuren im Stil eines Tim Burton.

Was der Animationsfilm vermag, wenn er eine dokumentarische, autobiografische Geschichte erzählt, hatte Ari Folman 2008 mit „Waltz with Bashir“ eindrucksvoll demonstriert. In Stuttgart knüpfte der Franzose Laurent Boileau daran an. Er hält in „Couleur de Peau: Miel“ die wahre Geschichte von Jung Henin fest. Der wurde als kleiner Junge in den Wirren des Koreakrieges auf den Straßen Seouls aufgegriffen und zur Adoption in eine belgische Familie freigegeben. Differenziert erzählt der Film von den positiven, aber auch von den prekären Seiten des Kultur- und Identitätsschocks. Einige von Jungs Schicksalsgenossen haben sich das Leben genommen, weil sie mit dem Gefühl, nirgendwo wirklich geliebt und angenommen zu werden, nicht zurechtkamen. Jung dagegen rettete sich in die Kunst, er ist selbst Zeichner geworden. Nicht nur deswegen passt der Animationsstil perfekt zum Inhalt der Geschichte. Durch die distanzierende Verfremdung lassen sich gerade die besonders bedrückenden Erfahrungen besser schildern als im Realfilm.

Völlig zu Recht sicherte sich ein französisches Regietrio den Preis für den besten Langfilm: „Ernest & Célestine“ von Benjamin Renner, Vincent Patar und Stephane Aubier ist ein unterhaltsamer Kinderfilm (ab 5 Jahren) über die verbotene Freundschaft zwischen einem Bären und einer Maus. Und wenn man als Erwachsener möchte, kann man auch in diesem angenehm altmodisch animierten Abenteuer einen ernsthaften gesellschaftspolitischen Kern entdecken.

Peter Gutting


Datum: 30.04.2013

 

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