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Joe Hill: Christmasland

Ihr Kinderlein kommet...

Joe Hill veröffentlichte sein Debüt „Blind“ vor rund sechs Jahren, es folgte eine mit Preisen überhäufte Kurzgeschichtensammlung („Black Box“) und ein zweiter Roman („Teufelszeug“), dessen Verfilmung mit Daniel Radcliffe in der Hauptrolle (unter dem Originaltitel „Horns“) derzeit die Kritiker zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Mit seinem jetzt erschienen dritten Roman „Christmasland“ macht Hill seinem Vater ernsthafte Konkurrenz. Joe Hill heißt eigentlich Joseph Hillstrom King, das Pseudonym legte er sich zu, um nicht sofort abgestempelt und in den Schatten seines Vaters Stephen King gestellt zu werden.

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Inzwischen ist aus ihm ein ernstzunehmender Name geworden, der sich vor seinem Vater nicht zu verstecken braucht, der dessen Einfluss aber auch nicht verleugnen kann – und das auch gar nicht will, wie er im Nachwort klarstellt. Was Hill mit „Christmasland“ vor allem zeigt: Dass er ein brillanter Erzähler ist, der mit Leichtigkeit in die großen Fußstapfen tritt, einer, der die amerikanische Spannungsliteratur in den nächsten Jahren maßgeblich prägen wird.

„NOS4A2“ heißt der 800-Seiten-Roman im Original, es ist das Nummernschild, das Charles Manx an seinem 1938er Rolls Royce Wraith angebracht hat, in Anspielung auf einen deutschen Stummfilmklassiker. In diesem Rolls Royce zieht Manx durch Amerika und entführt Kinder. Er verspricht ihnen ewige Glückseligkeit im Christmasland, die Erfüllung all ihrer Wünsche. Als Kind begegnet ihm Vicky zum ersten Mal und entgeht seinen Fängen nur knapp. Während all der Malaisen, die sie als Heranwachsende durchlebt, vergisst sie die schicksalhafte Begegnung nie, aber die Umstände erscheinen im Rückblick wie ein übler Traum. Immerhin ist es ihr zu verdanken, dass er schlussendlich verhaftet wird, und im Jahr 2008 ist Manx kaum mehr als eine leblose Hülle, an Maschinen angeschlossen, die seinen Körper am Leben erhalten. Sein Wraith wurde längst bei einer Auktion an einen Liebhaber versteigert. Manx ist bloß ein weiteres Kapitel im Gruselkabinett der Serienmörder. Sollte man meinen...

Eines Tages steht eine alte Bekannte aus Kindertagen vor Vickys Tür und warnt sie: Manx sei wieder da, er habe es auf ihren Sohn Wayne abgesehen und mit ihr ohnehin noch eine Rechnung offen. Sie ignoriert die Warnung. Doch dann wird Manx' Auto gestohlen. Im Krankenhaus heißt es, Manx sei verstorben, es gebe aber keine Leiche, die sei von Verrückten geklaut worden. Ein paar Zufälle zuviel. Und plötzlich beginnen die Menschen um Vicky herum zu sterben...

Mit Charlie Manx ist Hill ein so einprägsamer und verstörender Bösewicht gelungen, wie es sie nur selten gibt, Hannibal Lecter kommt einem in den Sinn. Dabei ist Manx längst nicht bloß der kalte Killer, für den man ihn anfangs hält, seine Figur ist wesentlich vielschichtiger und wird langsam aufgebaut. Die Handlung des Romans erstreckt sich über drei Jahrzehnte, in denen Vicky sich entwickelt, während Manx einen Großteil der Zeit im Koma verbringt und hinterher dort wieder anknüpft, wo er aufgehört hat. Hill webt in seinen rasanten Thriller klassische Horrorelemente ein, die sich zu einem apokalyptischen Alptraum entwickeln, den man so bald nicht vergessen wird. Und vor allem: Man wird nach diesem Buch bei jedem Weihnachtslied unwillkürlich zusammenzucken, es wird einem ein Schauer über den Rücken laufen. Und der Geruch von Lebkuchen könnte zu Panikattacken führen... (gw)


Datum: 25.09.2013

 

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