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Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll

Sex, Lügen und Gesichts-OPs

In Europa ist er weit weniger bekannt, aber in den USA zählt er zu den größten Showmastern des 20. Jahrhunderts: Władziu Valentino Liberace. Der begnadete Pianist und Entertainer begeisterte ein Millionenpublikum, im Fernsehen, im Film und vor allem in seinen Las-Vegas-Shows. Seine schillernde Persönlichkeit und seine pompöse Glitzerwelt ließen in Regisseur Steven Soderbergh schon vor 13 Jahren den Wunsch wachsen, eine Filmbiografie über ihn zu drehen. Nun hat der Filmemacher den alten Traum mithilfe des Kabelsenders HBO verwirklicht. Die euphorischen Kritiken beim Filmfestival in Cannes wecken für den Kinostart (3. Oktober) große Erwartungen. Sie werden aber nur zum Teil erfüllt.

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Soderberghs Probleme, einen dramaturgisch spannenden Aufhänger für Liberaces Leben zu finden, verflüchtigten sich, als er das Buch von Scott Thorson „Behind the Candelabra“ las. Scott (Matt Damon) war zwischen 1977 und 1982 persönlicher Assistent, Chauffeur und Liebhaber von Liberace (Michael Douglas). Der Waisenjunge lebt bei einer Pflegefamilie in der Provinz und arbeitet als Hundetrainer für Werbespots, als er Liberace nach einer Show in Las Vegas in der Garderobe besucht. Es ist Liebe und Faszination auf den ersten Blick. Die Beziehung ist nach Aussage von Liberace die glücklichste und längste in dem affärenreichen Leben des schwulen Entertainers, der seine Homosexualität immer öffentlich geleugnet hat. Aber irgendwann kriselt es auch zwischen Liberace und Scott, zumal der Ältere von dem Jungen eine Gesichtsoperation verlangt, die ihn in ein Abbild von Liberaces früherem Selbst verwandeln soll.

Das Vorbild für Liberaces Lebensstil soll Bayerns Märchenkönig Ludwig II. gewesen sein. Und so sieht der Film über weite Strecken auch aus: schlossartige Räume, überladen mit goldenem Pomp, Menschen in strassbesetzten Uniformen, lange Hermelinmäntel hinter sich herziehend, ein exzessives Schwelgen in Glitzer und Glamour. Die zurückhaltende Kamera braucht keine auffälligen Fahrten und Schwenks, um das in Szene zu setzen. Ausstatter und Kostümbildner leisten mehr als genug.

Im Dunkeln bleibt jedoch, was den hyperaktiven Genussmenschen zu all dem Überfluss trieb, der in dem Liberace-Zitat „Zu viel des Guten ist wundervoll“ seinen treffenden Ausdruck findet. War es bloßer Hedonismus? Oder sind andere, problematischere Kräfte am Werk? Soderbergh legt ein paar Spuren, etwa die Beziehung zu der ebenso selbstherrlichen Mutter (Debby Reynolds). Aber er reißt vieles nur an, verfolgt die Fäden nicht weiter und schnürt sie erst recht nicht zusammen.

Somit liegt der Akzent auf der Liebesbeziehung und den Sehnsüchten, die die herausragenden Darsteller hinter den Fassaden von Sex, Geld und Gesichts-OPs aufscheinen lassen. Matt Damon hat dabei den dankbareren Part als Michael Douglas, der die meiste Energie darauf verwenden muss, so zu scheinen wie das reale Vorbild. Aber auch er findet immer wieder kleine Gesten und bedeutsame Blicke, in denen er spürbar werden lässt, dass die Beziehung zu dem schüchternen, sensiblen Jungen mehr war als nur das Bedürfnis nach immer neuen, immer jüngeren Liebhabern.

Was aus dem Film hätte werden können, wenn sich Steven Soderbergh zu einer Satire auf all den Pomp entschlossen hätte, zeigt er in den paar Sequenzen, die sich mit den Schönheitsoperationen von Scott und Liberace befassen. Schon der Kamerablick in das Gesicht des Schönheitschirurgen Dr. Startz (Rob Lowe) ist genial: ein Schönling mit langen Haaren, dessen Mimik zur Bewegungslosigkeit verdammt scheint und der den Zombie unter der glatten Oberfläche mehr als nur ahnen lässt. Und tatsächlich kann Liberace nach der Operation nur noch mit offenen Augen schlafen – ein Bild wie aus dem Kabinett von Dr. Frankenstein. Das ist große Kunst, mit wenigen Strichen lässig aufs Papier gezaubert. Aber es bleibt bei diesen wenigen humoristischen Einlagen. Sich über die Obsessionen des US-Idols lustig zu machen wie über den Wahn Ludwigs II, das wollte Soderbergh offensichtlich nicht. Wie der „Kini“ in Bayern scheint auch der Mann im Glitzerlook ein nationales Heiligtum zu sein.

Peter Gutting


Datum: 08.10.2013

 

 
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