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Der harte Beat der Agonie

Lütfiye Güzel neuer Lyrikband „Trist Olé!“

Die Dichterin Lütfiye Güzel ist „1972 in Duisburg mit 3 Büchern auf die Welt gekommen“, wie es auf der Rückseite ihres dritten Buches innerhalb von nur knapp zwei Jahren heißt. Nach „herzterroristin“ (2012) und „Let's Go Güzel“ (2012) rundet sie mit dem druckfrischen „Trist olé!“ (Dialog Edition, Duisburg) ihre Trilogie mit düsteren Versen ab, die in bukowskihaftem Beat von der Tristesse des Ruhrpott-Alltags erzählen.

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Wenn man Güzel live erlebt hat fragt man sich mitunter, woher all die Agonie kommt, die durch ihre Verse wandert, vielleicht liegt es an der Tristesse des Potts, vielleicht ist es Kalkül, vielleicht aber auch nicht, denn gekünstelt wirkt auch ihr drittes Buch zu keinem Zeitpunkt. Wie schon zuvor schält sie das Leben und wühlt in offenen, blutigen Wunden, Versöhnlichkeit ist ihr ein Fremdwort, und genau das macht einmal mehr den Reiz ihrer Texte aus, die stellenweise auch gute Vorlagen zu finsteren Rapsongs hergeben könnten.

Eine Schildkröte ziert das Cover, weit hinten im Buch steht das Gedicht „turtle-mood“, wieder eines dieser verzweifelten Liebesgedichte, zugleich aber auch ein Gedicht über die Einsamkeit des Dichtens und über Menschen, die sich gar nicht erst ein dickes Fell sondern direkt einen Panzer zulegen, in den sie sich zurückziehen können: Das muss sein, die Welt ist eben oft zusehr Arschloch. Die Welt? Nein, eigentlich eher die Anderen. Man schlage das bei Sartre nach.

Der Ton ist rau, der Himmel ein grauer Brei, die Straßen sowieso, da ist Sonne ganz fehl am Platz, sie macht einen zum Monster, wenn man in ihrem Licht steht, aus dem eigenen Atem tropfen Erinnerungsfetzen, die man lieber vergisst, während man an eine schwammige Zukunft denkt oder direkt an den Tod: sich mit ihm anzufreunden ist eine Lebensaufgabe, mit der man erst fünf Minuten vor Schluss beginnen sollte, sonst macht es einen fertig. Lieber Witze erzählen, also: Von der Realität.

Mit den Lebenslügen geht Lütfiye Güzel nicht zaghaft um, sie setzt ihr Messer an, die Feder, und schneidet ins Fleisch. „Trist olé!“ ist nicht, wie der Titel vermuten lassen könnte, eine Hymne auf die Tristesse, auf die längst von irgendwelchen Tourismus-Hampelmännern romantisierte Ödnis im Pott, dort, wo einst das Arbeiterleben vonstatten ging und heute das Nichts sich breit macht. Schon die Bahnhöfe dieser Gegend verursachen einen Tinnitus in Moll. „Trist olé!“ ist vielmehr eine kalte Nacht auf nassem Straßenpflaster. Die Schlaglöcher gibt's gratis dazu. Wer keinen Hang zum Morbiden hat, wer lieber in Blümchen turnt statt in ihren welken Kadavern, der ist hier falsch, alle anderen sollten sich das Spektakel nicht entgehen lassen.

Gerrit Wustmann


Datum: 17.10.2013

 

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