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Der Butler

Ein Diener, aber kein Speichellecker

Das ist doch mal ein Hoffnungsschimmer: Drei Wochen lang hielt sich „Der Butler“ an der Spitze der sonst von Fortsetzungen dominierten US-Charts. Mehr als 100 Millionen Dollar hat die unabhängige Produktion bisher eingespielt. Was sehr zum Ärger der Bosse von Sony Pictures sein dürfte, die den Film von Lee Daniels ursprünglich finanzieren wollten, dann aber in letzter Minute absprangen. Das Epos über die Bürgerrechtsbewegung spricht offenbar ein breites Publikum an, vermeidet aber die gängigen Überrumpelungs- und Emotionalisierungsstrategien. Sehr zu Recht werden Daniels und seinem Star-Ensemble bereits jetzt gute Chancen im Oscar-Rennen eingeräumt (deutscher Kinostart: 10. Oktober).

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Dabei enthält der Stoff jede Menge Fallstricke für eine kitschige Saga: Ein Farbiger schafft den Aufstieg ins Weiße Haus, darf Mäuschen spielen bei den mächtigsten Männern der Welt, bekommt alles allzu Menschliche hautnah mit – da scheint Hollywood die Bilder und die Musik nur aus dem Archiv holen und neu zusammenmischen zu müssen.

Aber Lee Daniels, der vor gut drei Jahren mit „Precious“ schon einmal einen Überraschungshit landete, umschifft die gängigen Klischees über weite Strecken. Dabei kommt ihm zugute, dass die Handlung auf einer wahren Begebenheit beruht. Es gibt tatsächlich einen farbigen Butler, der sieben amerikanischen Präsidenten persönlich diente und 2008 sogar noch miterleben durfte, dass Barack Obama als erster Farbiger zum mächtigsten Mann der Welt gewählt wurde. Er heißt Eugene Allen und wurde von einem Journalisten kurz nach der ersten Obama-Wahl in der Washington Post porträtiert. Zwei Jahre danach starb er im Alter von 90 Jahren.

Allens fiktiv weitergesponnener Charakter trägt den Namen Cecil Gaines (Forest Whitaker). Er wächst in den 1920er Jahren auf den Baumwollfeldern der Südstaaten auf und erfährt auf das Grausamste, was Rassenhass bedeutet. Der Plantagenbesitzer vergewaltigt wie selbstverständlich Cecils Mutter und erschießt den Vater, ohne mit der Wimper zu zucken. Dass Cecil überlebt, grenzt an ein Wunder. Das Interesse des Weißen Hauses an seinen Fähigkeiten als Butler macht die märchenhafte Karriere perfekt. Dabei vergisst Cecil seine Herkunft nie. Er arbeitet als Diener, nicht als Speichellecker. Dass ein Farbiger den gleichen Lohn erhalten sollte wie ein Weißer, ist ihm Grund genug, sich bei seinem Vorgesetzten unbeliebt zu machen. Trotzdem hadert er mit dem radikalen Aktivismus seines Sohnes Louis (David Oyelowo), der sich erst der Bewegung um Martin Luther King und später den „Black Panthers“ anschließt.

Neben großen Darstellerleistungen – vor allem auch TV-Moderatorin Oprah Winfrey als Cecils Ehefrau Gloria – und Daniels sicherem Rhythmusgespür besticht die Inszenierung durch eine Reihe von Parallelmontagen, die die politischen und menschlichen Spannungen zwischen Vater und Sohn in ein differenziertes Bild jenseits von Rechthaberei setzen. Etwa wenn Louis und die Bürgerrechtsaktivisten ein „weißes“ Restaurant gewaltfrei besetzen, sich bespucken und mit heißem Kaffee übergießen lassen – und zeitgleich Cecil den Tisch für ein glamouröses Festessen mit höchsten Staatsgästen deckt, mit all dem Tafelsilber, das die Schatzkammern des Palastes herzugeben scheinen.

„Der Butler“ findet neue Bilder für die allzu bekannten. Vom Kennedy-Attentat erfährt der Zuschauer zum Beispiel durch einen Kamerablick auf Jackie Kennedy, bereits wieder im Weißen Haus und regungslos auf einem Sofa sitzend, das vornehme Kostüm komplett mit Blut verschmiert, sogar an den Beinen kleben noch die überdeutlichen Spuren der tödlichen Schüsse.

Nur manchmal gerät der Versuch, persönliche und gesellschaftliche Geschichte zu verschmelzen, etwas konstruiert. So scheint es nicht besonders glaubwürdig, dass Cecil ausgerechnet an seinem Geburtstag gleich zwei Verluste erleidet. Gerade als er telefonisch mit Louis endgültig gebrochen hat, klingelt es an der Tür. Draußen stehen zwei Soldaten, die die Nachricht vom Vietnam-Tod seines jüngeren Sohnes Charlie (Elijah Kelley) überbringen.

Unter Strich ist „Der Butler“ mit seinem Mut zum Risiko aber ein hervorragendes Beispiel, dass das amerikanische Kino genau dieses Mittelfeld zwischen Arthouse und Blockbuster braucht. Der Film hat 30 Millionen Dollar gekostet. Das ist ein knappes Budget für ein derart aufwendiges und Star-gespicktes Unterfangen. Aber die Rechnung geht auf, sowohl künstlerisch wie ökonomisch. Denn anders als ein Spektakel wie „Lone Ranger“, das selbst bei Einnahmen von 100 Millionen Dollar noch als Flop gelten würde, sonnt sich „Der Butler“ längst in der Gewinnzone.

Peter Gutting


Datum: 17.10.2013

 

 
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