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Fiktive Musik und reale Leben

Selim Özdogan: Was wir hörten, als wir nach der Wahrheit suchten

Selim Özdogans 1995 erschienenes Debüt „Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist“, gilt weithin als Kultbuch. Und das bei einem Autor, der mit Labels und Schubladen offenbar eher wenig anfangen kann. Man nehme es einfach als gutes Marketing. Özdogan ist eine der angenehm frischen Stimmen der jungen deutschen Literatur, er schreibt eine direkte, lebensnahe Prosa, die tief ist und zugleich wunderbar unterhaltend. Da wundert es wenig, dass er als Vorbilder Namen wie Fauser oder Brinkmann und diverse Amerikaner aufzählt. All das Schwere, Bedeutungsvolle, an dem junge deutsche Autoren sich mühevoll abarbeiten (Ausnahmen ausgenommen) geht ihm völlig ab. Unterhaltung ist ein Begriff, vor dem er keine Angst hat, und das ist ein Segen. In „Was wir hörten, als wir nach der Wahrheit suchten“ unterhält er glänzend – trotz oder gerade wegen der experimentellen Form.

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Er erzählt eine Geschichte in Form von Plattenkritiken. Die Bands und Alben sind durch die Bank fiktiv, allerdings gespickt mit mal mehr mal weniger eindeutigen Anspielungen auf reale Musiker. Keinesfalls fiktiv ist der Background – eine kurzweilige musikalische Zeitreise durch die Jahre 1988 bis 2012, quer durch alle Stile, Genres und Geschmacksrichtungen, und von der Lobrede über den Verriss bis zur tagebuchartigen Lobhudelei, die in Erinnerungen schwelgt, ist alles dabei, vom Tape bis zur MP3 und der angerissenen Frage, was die Diskussion über das Medium eigentlich soll, solange die Musik gut ist.

Und vor allem auch der Grundtenor: Musik darf, ja soll experimentell sein, soll Neues ausprobieren, darf sich dabei gern beim Altbewährten bedienen, usw., nur eines darf Musik niemalsnie: Den Zuhörer langweilen. Darin sind sich alle Kunstformen einig.

Özdogans Buch ist der siebte Band der Reihe „Zwölf Farben“, die in Köln erscheint und jeweils Prosatext und Poetologie miteinander verbindet. Selten bildeten beide Elemente so sehr eine Einheit wie hier, wobei Özdogan trotzdem das Kunststück gelingt, dass jede der fiktiven Kritiken auch für sich selbst stehen und ein ganz eigenes Universum der Assoziationen eröffnen kann. Man wird die Vermutung nicht los, dass sich größere Verlage kaum getraut hätten, solch ein Experiment zu veröffentlichen, weil es sich eben nicht labeln lässt, und das ist ein Jammer. Zuviel gute Literatur bleibt uns aufgrund der Feigheit der Publikumsverlage vorenthalten, während die Kleinen nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen. Denn in den Feuilletons wird ja wieder nur das beachtet, was so dunkel-deutsch-schwer-vermeintlichintellektuell-und-definitiv-absolut-ununterhaltsam ist. In der Regel zumindest.

Selim Özdogans Buch ist, selbst im Rahmen der „Zwölf Farben“, angenehm anders, originell, neu. Zwar ist die Idee der fiktiven Rezensionen ein alter Hut, aber in dieser Form, diesem Kontext, entfaltet es einen ganz eigenen Charme. Und übrigens: Es animiert dazu, endlich all die alten Platten mal wieder rauszukramen, die man in den letzten 25 Jahren gut, bahnbrechend usw. fand. Manche davon sind immernoch gut.

Gerrit Wustmann


Datum: 20.10.2013

 

 
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