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Hatice Akyün: Deutsches Herz, türkische Seele

Ich küss dich, Kismet

Mit drei Jahren kam Hatice Akyün nach Deutschland, wuchs in Duisburg-Marxloh auf – Sie wissen schon, diesem Stadtteil, auf den sich alle Nase lang die Boulevardpresse stürzt, wenn es mal wieder gilt, billige Ressentiments zu bedienen. Vor drei Jahren, als ein gewisser Ex-Senator Kasse machte indem er gegen Türken hetzte, und Akyün ständig als Quotentürkin in Talkshows eingeladen wurde, wo sie zwischen dickleibigen deutschen Politikern saß, die sich ebenfalls in ihren Vorurteilen und Sexismen suhlten, hatte die Journalistin und Autorin genug. Verständlicherweise.

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Ein Zufall, dass ihr Vater ihr zu eben jener Zeit den Schlüssel für eine Wohnung in Istanbul in die Hand drückte? Vielleicht. Jedenfalls machte sie sich spontan auf an den Bosporus. Was sie dort als Deutsche erlebte, steht in ihrem unlängst erschienenen neuen Buch „Ich küss dich, Kismet – Eine Deutsche am Bosporus“ (KiWi, Köln 2013). Es ist bereits ihr drittes Buch, in diesem Herbst läuft die Verfilmung ihres Erstlings „Einmal Hans mit scharfer Soße“ in den Kinos an.

Sie habe ein deutsches Herz und eine türkische Seele, so beschreibt Hatice Akyün sich selbst. Sie ist eine Almancilar, eine Deutschländerin, so werden in der Türkei Türken genannt, deren Sozialisierung vor allem deutsch ablief. Viele von ihnen stehen zwischen den Kulturen, haben es in der Türkei schwer, Fuß zu fassen ebenso wie in Deutschland, wo sie Projektionsfläche für das schwammige Bauchgefühl des Durchschnittsdeutschen sind. Akyün versucht, diese Umstände mit Humor und einem selbstkritischen Augenzwinkern anzugehen, wenn sie beschreibt, wie Deutsch sie doch selbst längst ist, gemessen an der türkischen Alltagsrealität. Zugleich taucht sie mit wachem Blick in die Istanbuler Gegenwart ein und räumt mit den allgegenwärtigen Vorurteilen auf, und man kann ihr nur wünschen, dass sie damit nicht nur diejenigen erreicht, bei denen sie ohnehin weit offen stehende Türen einrennt.

2009 erhielt sie den Duisburger Preis für Toleranz und Zivilcourage, ihr neues Buch zeigt einmal mehr, wie passend diese Auszeichnung ist. Akyün spielt geschickt mit Klischees, nur um sie dann aufzubrechen, sie will den Leser in eine Haltung der Selbstreflexion bringen. Das gelingt ihr, indem sie eigene festgefahrene Haltungen hinterfragt. Ist all das, was geschieht, Kismet – Schicksal? Eine Antwort gibt es nicht, das wäre zu einfach. Und einfach ist hier nichts. Es gibt das typische Istanbuler Leben in der väterlichen Wohnung im Stadtteil Yesilköy ebenso wie die abgeschottete, sorgenfreie Existenz der westlich geprägten Istanbuler Karrierefrauen in ihrer Gated Community, einem Lebensentwurf, der sich für Akyün schnell als befremdlich erweist, während sie, die sich geschworen hatte, nach diversen Enttäuschungen „unbemannt“ zu bleiben, dann doch mit den eigenen Gefühlen kämpft, als sie den sympathischen Almancilar Cenk kennenlernt – ausgerechnet auf der symbolträchtigen Galata-Brücke.

Hatice Akyün ist mit „Ich küss dich, Kismet“, ein lockeres, angenehm lesbares Buch über das Leben zwischen den Kulturen gelungen, das vor allem die deutschen Leser einlädt, sich mit der Türkei auseinanderzusetzen fernab all des hohlen Integrationsgeschwafels der Talkshows und Feuilletons.

Gerrit Wustmann


Datum: 23.10.2013

 

 
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