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Exit Marrakech

Heinrich, mir graut‘s vor dir

Es ist schon pervers: Da sitzt ein erfolgreicher Theaterregisseur mitten in Marrakesch und weigert sich, auch nur einen Schritt vor die Tür des Luxushotels zu setzen. Stattdessen will er die zum Weltkulturerbe erklärte Altstadt und das Land nur durch die Bücher von Paul Bowles kennenlernen, schön gemütlich im Liegestuhl am Pool. Ganz anders Caroline Link, die diese Figur namens Heinrich erfunden hat. Deren sehenswerter neuer Film überlässt sich dem Sog und den Widersprüchen einer faszinierenden fremden Welt.

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Zum Glück ist es keine touristische Perspektive, die der Film einnimmt. Nichts wird pittoresk ausgestellt oder romantisch überhöht. Und doch lässt sich die bewegliche Kamera von Bella Halben gefangen nehmen vom sinnlichen Reiz der Märkte, von der kargen Schönheit der Berge und der erhabenen Weite der Wüste.

„Schau zu, dass du was erlebst auf deiner Marokko-Reise“, sagt der Schulleiter (Josef Bierbichler) zu dem 17-jährigen Ben (Samuel Schneider). Die großen Ferien stehen vor der Tür und Ben soll sie in Marrakesch bei seinem Vater, dem Theaterregisseur Heinrich (Ulrich Tukur) verbringen, den er mehrere Jahre nicht gesehen hat. Der Junge, groß geworden in einem wohlsituierten, liberalen Künstlermilieu, lebt bei seiner Mutter Lea (Marie-Lou Sellem), einer Konzert-Cellistin. Er hält wenig von seinem Vater. Mehr als den eingebildeten Frauenhelden kann er in ihm nicht sehen. Die erste Begegnung fällt unbeholfen aus, wie unter Fremden. Dass sich Ben, fasziniert von der sinnlichen Wucht der vibrierenden Stadt, auf eigene Faust ins Nachtleben stürzt, scheint den Vater wenig zu stören. Erst als er tagelang mit der Prostituierten Karima (Hafsia Herzi) verschwindet, wird es dem Erziehungsberechtigten zu bunt.

Wäre man bösartig, könnte man sagen, Caroline Link habe das Thema Familie, das in allen ihren Filmen eine Rolle spielt, einfach mit einem Kontinent kombiniert, der ihr 2003 für „Nirgendwo in Afrika“ den Oscar einbrachte. Doch das trifft es nicht. Selbst wenn das Bedürfnis, in Marokko zu drehen, ganz am Anfang der Filmidee stand und der Vater-Sohn-Konflikt dann während der Drehbuchentwicklung vor Ort hinzukam, wie die Regisseurin in mehreren Interviews erzählt hat. Aber die bewusste Kombination von Schauplatz und Konflikt wirkt in der Umsetzung niemals konstruiert, die Figuren sind glaubwürdig mit den realen Erfahrungen aus Patchwork-Familien unterfüttert und die Schauspieler leisten überzeugende Arbeit.

Sicher ist „Im Winter ein Jahr“, Links Vorgängerfilm aus dem Jahr 2008, emotionaler und berührender als „Exit Marrakech“. Das hängt wohl damit zusammen, dass die Protagonisten im neuen Film Männer sind, die ihre Gefühle lieber für sich behalten, besonders wenn es um den jeweils anderen geht. Der eher undramatische Erzählfluss hat aber den Vorteil, dass die absehbare Geschichte vom Erwachsenwerden des jungen Helden nicht in allen Details ausbuchstabiert werden muss. Denn dann wären die Klischees, die des Öfteren an den Rändern der Handlung lauern, tatsächlich in den Vordergrund gerückt. So aber gewinnt das Familiendrama Raum für die Abenteuer in einem Land, das zum eigentlichen Helden des Films wird.

Peter Gutting


Datum: 25.10.2013

 

 
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