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Reza Hajatpour: Der schmale Weg

Der lange Weg der Erinnerung

Ein junger Mann, der in eine traditionsbedachte, mächtige Familie hineingeboren wird, die nicht die seine ist; seine Mutter, eine schillernde aber rätselhafte Gestalt; sein Vater, dessen Identität er nicht kennt; das Medizinstudium im London der Sechziger, das ihn langsam aber sicher von dem vorgezeichneten „schmalen Weg“ seines Lebens in eine Freiheit führt, mit der er nicht umzugehen weiß: all das sind die Zutaten in Reza Hajatpours zweitem Roman „Der schmale Weg“, der unlängst in der Edition Hamouda, Leipzig, erschienen ist.

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Ramin wächst in einer iranischen Kleinstadt auf in der Familie des mächtigen und herrischen Geistlichen Kyros Khan, der Ramins Mutter Anahit unter seine Fittiche nahm, als deren Mutter Sudabeh ihre Familie eines Tages verließ. Kyros und sein Onkel Mazdak haben große Pläne für Ramin. Er soll die Tradition der Familie fortführen und in London Medizin studieren, um danach in dem Krankenhaus zu praktizieren, das sein anderer Onkel Yima der Stadt gestiftet hat. Ramin ist unsicher, wuchs ohne Vater auf, trägt schwer am Tod seiner Mutter und stets plagen ihn unzählige Fragen nach der verworrenen Familiengeschichte, doch er wagt nicht, sie zu stellen.

In Europa vergräbt sich der schüchterne junge Mann in seinem Studium, dann in seiner Arbeit, Menschen machen ihm Angst, und so begeistert er von London ist, so sehr schüchtert ihn die Großstadt ein. Er erweist sich als brillanter Herzchirurg, und während er am Transplantationszentrum der Uniklinik forscht, gehen die politischen Wirren der Sechziger und auch das eigentliche Leben völlig an ihm vorbei. An Frauen traut er sich aufgrund seiner Erektionsprobleme nicht heran, und menschliche Nähe ist ihm unangenehm. Das ändert sich, als er die deutsche Psychologin Elisabeth kennenlernt, die sich seiner annimmt. Langsam tastet er sich mit Anfang dreißig in eine Lebens- und Gefühlswelt hinein, die ihm zuvor fremd gewesen war, und gerade als er beginnt, sich eine Existenz, etwas Eigenes aufzubauen, treffen Briefe von Onkel Mazdak ein, der ihn an seine Verpflichtungen erinnert und ihn zur Rückkehr auffordert.

Ramin erinnert sich an den schmalen Weg hinter dem Haus, in dem er aufwuchs, an den einsam streunenden Hund, der ihm dort hin und wieder begegnet war, und der so sehr ihm selbst gleicht. Und ihm wird bewusst, dass nicht mehr viel Zeit bleibt, um Antworten zu finden auf die Fragen, die ihn seit frühester Kindheit klären.

Reza Hajatpour ist ein einfühlsamer und vielschichtiger Roman gelungen, der den Weg eines Menschen zwischen zwei Kulturen nachzeichnet, eines Pessimisten, der zwischen den mystischen Lehren seiner Kindheit und dem scheinbaren Rationalismus seiner Arbeit als Arzt taumelt, der sich nach innerer Freiheit sehnt, sich aber nie ganz lösen kann von der Enge seiner in Traditionen verhafteten Familie. (gw)


Reza Hajatpour "Der schmale Weg", Roman, Edition Hamouda, Leipzig 2013, 270 S., 11,95 Euro
Reza Hajatpour "Der schmale Weg", Roman, Edition Hamouda, Leipzig 2013, 270 S., 11,95 Euro

Datum: 27.10.2013

 

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