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Die Frau, die sich traut

Freischwimmen im Ärmelkanal

Mit Extremsport kennt er sich aus: In seinem Spielfilmdebüt „Parkour“ ließ Regisseur Marc Rensing seinen Protagonisten über Mauern und Geländer springen, dass es einem den Atem stocken ließ. Nun lässt er die Kamera über das Meer gleiten, dass einen die Ehrfurcht erfasst – vor all den Menschen, die sich trauen, den Ärmelkanal zu durchschwimmen. 33 Kilometer sind das, reine Luftlinie. Jedes Jahr versuchen es Hunderte, aber nur etwa jeder Fünfte schafft es. Wenn man Rensings neuen Film gesehen hat, weiß man, warum (Kinostart: 12. Dezember).

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Zu Beginn macht Beate (Steffi Kühnert) ganz und gar nicht den Eindruck, als wollte sie den „Mount Everest für Schwimmer“ besteigen. Die 50-Jährige ist mit ihrer Arbeit in einer Wäscherei und den Kindern völlig ausgelastet. Sohn Alex (Steve Windolf) und Tochter Rike (Christina Hecke) sind zwar längst erwachsen und haben beziehungsweise bekommen eigenen Nachwuchs. Doch zwischen der alleinerziehenden Mutter und den Kindern haben sich wechselseitige Abhängigkeiten eingeschliffen, die zumindest in den Augen von Beates bester Freundin Henni (Jenny Schily) auf ein lebenslanges „Pampern“ hinauslaufen. Aber alles ändert sich, als Beate erfährt, dass sie Krebs hat. Ohne den Kindern von der Krankheit zu erzählen, beschließt die ehemalige Leistungsschwimmerin, sich einen großen Traum zu erfüllen: von Dover nach Calais, zwölf Stunden im Kampf gegen die Elemente, nur von einem Boot begleitet, das im Notfall eingreifen kann.

Das ist natürlich eine Story, die in der verkürzten Nacherzählung ziemlich plakativ klingt – und schnell an „Sein letztes Rennen“ denken lässt, den teilweise noch in den Kinos laufenden Film von Kilian Riedhof, in dem es Dieter Hallervorden als Marathonläufer ebenfalls noch einmal wissen will. Streckenweise mutet Rensings Emanzipationsdrama denn auch so an, als würde er die Kombination von Selbstfindung und Extremsport einfach noch einmal aufkochen. Aber es gibt einige Elemente, die dagegen wirken und „Die Frau, die sich traut“ unterm Strich dann doch sehenswert machen.

Da ist zum einen Hauptdarstellerin Steffi Kühnert, die in ihrer langen Film- und TV-Karriere überwiegend nur in Nebenrollen oder Ensemblefilmen zu sehen war, etwa in „Halbe Treppe“ (2002) von Andreas Dresen oder in „Das weiße Band“ (2009) von Michael Haneke. Nun trägt sie einmal einen ganzen Film, und sie tut das famos, mit ihrem Pragmatismus, einer gewissen Verschlossenheit und einem ungeheuren Dickkopf. Mit Jenny Schily findet sie in der Nebenhandlung zu einer wunderbar glaubhaften Frauenfreundschaft, die dem etwas dürren Gerüst der Mutter-Kind-Konflikte den nötigen Halt gibt.

Zur Authentizität tragen auch die vielen Hindernisse bei, die Rensing und seine Co-Autorin Annette Friedmann der ehemaligen Sportlerin in den Weg gelegt haben. Etwa die Szenen, in denen sich Beate in eine mit Eiswürfeln gefüllte Badewanne legt – mehr braucht man eigentlich nicht zu sehen, um sich ein Bild von den Strapazen zu machen.

Im Vergleich mit seinem Erstling „Parkour“ wirkt Rensings zweiter Film zwar glatter und fernsehtauglicher. Dennoch gelingt es ihm erneut, für die außergewöhnlichen körperlichen Anstrengungen aufregende Bilder zu finden. Wenn die Kamera über die endlosen Wellen fliegt, wenn sie sich erhebt und die Protagonistin von weit oben fast aus dem Blick verliert – dann wird die Faszination spürbar, etwas völlig Verrücktes schaffen zu wollen. Und der Begriff „Freischwimmer“, der für ein Abzeichen aus Kindertagen stand, bekommt plötzlich eine neue, ziemlich erwachsene Bedeutung.

Peter Gutting


Datum: 01.11.2013

 

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