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Blue Jasmine

Gute Männer sind Mangelware

„Man erfindet sich immer neu“, behauptet die Filmfigur Jasmine. Auf sie selbst trifft das leider kaum zu. Wohl aber auf ihren Schöpfer Woody Allen. Der hat seine „europäische Phase“ mit Filmen wie „Midnight in Paris“ oder „To Rome with love“ dieses Mal zumindest unterbrochen. San Francisco heißt der aktuelle Schauplatz des bekennenden New-York-Liebhabers. Und mit dem Wind an der Bay weht auch ein tragischerer Hauch durch sein neues Werk. Das braucht den Vergleich mit den reinen Komödien der beiden Vorgängerfilme aber keineswegs zu scheuen.

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Wohl dem, der im Flugzeug nicht neben Jasmine (Cate Blanchett) sitzt! Die Mittvierzigerin plappert in einem fort, offensichtlich vor allem mit sich selbst. Dass die vornehme Upperclass-Lady derart aus der Spur gerät, hat allerdings gute Gründe. Ihr stinkreicher Ehemann Hal (Alec Baldwin) wanderte wegen krummer Geschäfte in den Knast, das ganze Millionenvermögen ist hin. Als einziger Zufluchtsort kommt jetzt nur noch die enge Wohnung von Jasmines ungeliebter Halbschwester Ginger (Sally Hawkins) infrage. Die erste Begegnung nach langen Jahren der freundlichen Ignoranz gerät zum Kulturschock, zählt Ginger doch zu den Working-Class-Heroes, die das Bankkonto im Minus, aber das Herz auf dem rechten Fleck haben. Statt sich von der Lebenstüchtigkeit der Jüngeren eine Scheibe abzuschneiden, hat Jasmine nichts Besseres zu tun, als Gingers neuen Lover Chili (Bobby Cannavale) madig zu machen. Das führt zu Erlebnissen, die mit dem Song „A good man is hard to find“ noch milde umschrieben sind.

Man kann die Protagonistin von „Blue Jasmine“ mit der Figur der Blanche DuBois in Tennesse Williams Stück „Endstation Sehnsucht“ vergleichen, einer Rolle, die Cate Blanchett tatsächlich in einer Inszenierung von Liv Ullmann am Theater in Sidney gespielt hat. Aufschlussreicher ist es allerdings, sich an Woody Allens eigene Schilderung zu halten, wie er auf den Stoff aufmerksam wurde. In einem Interview erzählt er, seine Ehefrau Soon-Yi habe ihm vom Schicksal der Bekannten einer Freundin berichtet, deren Mann wegen Insidergeschäften ins Gefängnis kam. Das nimmt der Regisseur zum Anlass für ein spannendes, glaubwürdig nachgezeichnetes Experiment: Wie kommt jemand, der sich die Körpersprache, die Vorlieben und die Modekenntnisse der Neureichen wie eine zweite Natur angeeignet hat, damit klar, wenn er sich im normalen Leben behaupten muss?

Auf den ersten Blick ruft Jasmine natürlich Reaktionen hervor wie: „geschieht ihr recht, das hat sie nun von ihrer Hochnäsigkeit“. Aber nach einigen Rückblenden und Erinnerungsfetzen wird klar, dass Woody Allen hier eine jener großen Frauenfiguren geschaffen hat, die in Erinnerung bleiben werden wie Diane Keaton aus „Stadtneurotiker“, Mia Farrow aus „Purple Rose of Kairo“ oder Scarlett Johansson aus „Match Point“. Cate Blanchett überzeugt in der Rolle der Jasmine umso mehr, als sie teilweise gegen den Strich besetzt ist. Den kalten, unnahbaren Hochmut nimmt man der zweimaligen Elizabeth-Darstellerin natürlich ab. Aber dass sie sich so sehr ins Leid verströmen, mit verschmierter Wimpertusche und durchgeschwitzten Ärmeln so sehr gehen lassen könnte – das ist die schönste Überraschung dieses Films. Im Übrigen balanciert Woody Allen den verstärkten tragischen Akzent wie gewohnt mit Dixie-Jazz, Situationskomik und einem meerverliebten Stadtporträt aus.

Bereits zu Beginn trägt Jasmine ein weißes Jäckchen, wie es sich wohl nur die oberen Zehntausend leisten können – sehr elegant in seiner Schlichtheit und von Modebanausen wohl leicht zu unterschätzen. Es könnte als Panzer dienen gegen die Zumutungen, die da harren. Aber wie ein Panzer schirmt es auch ab gegen die Herausforderungen, auf die man sich einlassen muss, wenn man sich neu erfinden möchte. So bleibt als einziger Trost: wenn schon scheitern, dann mit Stil.

Peter Gutting


Datum: 09.11.2013

 

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