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The Grandmaster

Denkmal mit Hut

Ein Mann und sein Hut: Selbst im übelsten Kampfgetümmel bleibt das Markenzeichen von Kung Fu-Großmeister IP Man unversehrt. Dem Lehrer eines gewissen Bruce Lee setzt Regisseur Wong Kar-Wai ein Denkmal – in einer für Wong durchaus untypischen, weil episch angelegten Gesamtschau über die goldene Ära der chinesischen Kampfkunst und die Vielzahl ihrer Stile, Philosophien und Traditionen. Der Perfektionist auf dem Regiestuhl baut in seinem zehnten Film auf große Oper: ein visuelles Feuerwerk, in dem ein Aha-Effekt den nächsten jagt.

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Schon der Anfang setzt einen Akzent, der kaum zu überbieten ist. Die nächtliche Stadt in strömendem Regen: Eine ganze Horde feindlicher Kämpfer will IP Man (Tony Leung) ans Leder. Aber der tanzt sie geradezu aus. Zeitlupen zelebrieren die Eleganz seiner Bewegungen, Vogelperspektiven fangen die Choreografie der Szene ein, die dennoch die Härte der Schläge nicht weichspült.

Aber das Erstaunlichste ist dieser Hut, der wie festgeklebt scheint am Haupt des Einzelkämpfers. In einem Interview hat der Hauptdarsteller berichtet, Wong habe die bereits abgedrehte Szene noch einmal neu inszenieren lassen, weil sie in der ersten Fassung ohne Hut gespielt wurde. Die weiße Kopfbedeckung mit dem schwarzen Band ist in der Tat mehr als ein Requisit. Sie demonstriert, welche Persönlichkeit und welche Philosophie hier zum Kampf antreten. Nicht um Schlägertypen in billigen B-Movies geht es, sondern um eine Kunst der Körperbeherrschung, um die Eleganz der Bewegung und um die Früchte einer Selbstdisziplin, die jahrelanges Training erfordert. Eine Disziplin, die übrigens auch Darsteller in monatelanger Vorbereitungszeit aufbringen mussten, wie man im informativen Bonusmaterial der DVD sehen kann.

In der Tat war IP Man kein Underdog, der allein auf seine Fäuste angewiesen wäre. Er stammte aus einer wohlhabenden Familie und konnte sich frei von materiellen Sorgen ganz auf seine Leidenschaft, die Kampfkunst, konzentrieren. Im Film lernen wir ihn 1936 in der südchinesischen Stadt Foshan kennen. Dorthin kommt Gong Bao-Sen (Wang Qing-Xiang), der scheidende Großmeister aus dem Norden, um sich in einem letzten Kampf mit dem besten Vertreter des Südens zu messen – eine Verneigung vor der landesweiten Vernetzung der Kampfkünste und der Vielfalt ihre Stile. Mitgereist ist auch Gongs Tochter Gong Er (Zhang Zi-Yi), die vom Vater persönlich unterrichtet wird und dessen Unterlegenheit rächen will. Also tritt sie ebenfalls gegen IP Man an – in einem weiteren visuellen Höhepunkt des Films, in dem Konkurrenz und Annäherung, Schläge und verzehrende Blicke miteinander verschmelzen.

Gong Er, die zweite Hauptfigur dieses Epos, wollte als Kind einmal Opernsängerin werden. Hätte sie das gemacht, so prophezeit es ihr Vater, wäre sie auch dort eine der Besten gewesen, denn ihre Leidenschaft kenne keine Grenzen. Vermutlich ist die Anspielung auf das Musiktheater kein Zufall. Wie Arien sind die opulent, aber ohne Computereffekte kreierten Kampfszenen ins Bild gesetzt: als sinnlich ausgespielte Gefühlserkundungen, als dramatische Umschwünge, die ein Leben verändern, als visuelles Feuerwerk, das für sich selbst stehen könnte.

Aber auch bei den äußeren historischen Ereignissen (von den 1930er bis in die 1950er Jahre), die oft als Überleitung zur nächsten Kampfszene dienen, sparen Regisseur und Kameramann Philippe Le Sourd nicht an visuellen Reizen. Dadurch lassen sie sich leider in eine Falle locken, in die hochambitionierte Projekte oft tappen. Sie verlieren den Rhythmus, übersättigen das Publikum und reihen zu viele Sensationen aneinander. Und das, obwohl sie phasenweise immer auch wieder großes Kino bieten, mit atemlosen Passagen, die den Zuschauer emotional bei der Stange halten.

Vielleicht wollte Drama-Spezialist Wong Kar-Wai bei seiner jahrelangen Arbeit an dem Film zu viel. Geschichtsepos, Filmbiografie, Liebesgeschichte und Rettung eines bedrohten Kulturerbes in einem – das vielleicht nur funktioniert, wenn er sich zweieinhalb bis drei Stunden Zeit gelassen hätte. Besonders die unerfüllte Sehnsucht zwischen IP Man und Gong Er gerät im Vergleich zu Wongs Meisterwerk „In the Mood for Love“ enttäuschend dünn. Dennoch bleibt „The Grandmaster“ trotz seiner Schwächen ein empfehlenswerter Film. Solch eine Hymne auf die Eleganz der Körperbeherrschung sieht man schließlich nicht alle Tage.

Peter Gutting


Datum: 02.12.2013

 

 
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