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Le Passé –Das Vergangene

Verstrickt ins Patchwork

Zum ersten Mal hat Asghar Farhadi außerhalb seiner iranischen Heimat gedreht. Das wäre vielleicht nicht weiter erwähnenswert, handelte es sich bei dem Oscar-Gewinner (für „Nader und Simin – Eine Trennung“) nicht um einen Filmemacher, der mit seiner zurückhaltenden, äußerst präzisen Alltagsbeobachtung bestechende Porträts von der Gesellschaft und den Milieus gezeichnet hat, in denen er aufgewachsen ist. Würden ihm die Liebe zu den Figuren und der warmherzige Blick auf ihre Widersprüche auch in einer universellen Geschichte gelingen? Das durfte man mit Fug und Recht erst einmal bezweifeln. Aber die Antwort ist eindeutig. „Le Passé – Das Vergangene“ hätte beim diesjährigen Festival in Cannes nicht nur den Preis für die beste Darstellerin (Bérénice Bejo), sondern auch eine Auszeichnung für das beste Drehbuch verdient gehabt (Kinostart: 30. Januar 2014).

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Wie schon in seinen beiden Vorgängerfilmen erzählt Farhadi von persönlichen Beziehungen eines größeren Personenkreises, der über die bloße Kernfamilie hinausgeht. Er macht uns bekannt mit dem Iraner Ahmad (Ali Mosaffa), der eigentlich nur nach Paris fliegt, um die Scheidung von seiner französischen Frau Marie (Bérénice Bejo) zu besiegeln. Das wäre wohl ein relativ schmerzloser Strich unter die Vergangenheit geworden, hätte Marie ihrem „Ex“, wie dieser es sich gewünscht hatte, ein Hotelzimmer gebucht. Aber die Noch-Ehefrau bringt ihn in ihrem Vorort-Haus unter, in dem die beiden lange Jahre gemeinsam mit Maries Töchtern Léa und Lucie (Pauline Burlet) lebten. Ihr Hintergedanke: Der besonnene Ahmad soll die pubertierende Lucie zur Vernunft bringen, die sich gegen Maries neuen Partner Samir (Tahar Rahim) sträubt. Lucie erzählt ihrem Stiefvater, was sie der Mutter nicht anzuvertrauen wagt. Entgegen der „offiziellen“ Version ist Lucie fest davon überzeugt, Samirs Frau habe von der Beziehung ihrer Mutter mit dem verheirateten Mann gewusst und deshalb den Suizidversuch unternommen, nach dem sie nun seit acht Monaten im Koma liegt. Aber damit hat Lucie längst nicht die volle Wahrheit gesagt. Wie gewohnt nimmt der iranische Autor und Regisseur unspektakuläre Begebenheiten in den Blick, die allein von der inneren Vielschichtigkeit seiner Figuren leben. Und wie immer hängt es vom kunstvollen Aufbau des Drehbuchs ab, ob die Spannung bis zum Ende trägt. Bei „Le Passé – Das Vergangene“ gelingt dies von der ersten bis zur letzten Einstellung. Die Geschichte nimmt auf ungezwungene Art neue Wendungen, ohne auf äußerliche Zufälle setzen zu müssen. Nichts erscheint um des Effektes willen ausgedacht, und doch erzeugen die ständigen Perspektivwechsel den Sog, der Wahrheit endlich auf die Spur zu kommen. Wie im wirklichen Leben sind es die kleinen Notlügen und Rücksichtnahmen, die klar machen, dass hier nichts ist, wie es scheint. Und dass der eigentliche Kern Schicht für Schicht freigelegt werden muss – ein Prozess, der den Blick ebenso verschwimmen lässt wie das Schälen einer Zwiebel. Zärtlich und respektvoll folgt die neugierige Kamera von Mahmoud Kalari den Figuren – in einer ausgeklügelten, aber beiläufig wirkenden Choreografie von Bewegungen und Blicken, Gesten und Symbolen. Anfangs wirkt alles wie vertraut zwischen dem Noch-Ehepaar Ahmad und Marie. Sie lenkt das Auto, er schaltet. Sie fährt mit den Händen durch ihre nassen Haare, er hält den Föhn. Aber in denselben Bildern lässt der Regisseur auch die Risse sichtbar werden, die sich in die gescheiterte Ehe eingegraben haben. Sie baut fast einen Unfall, er versengt sie kurz mit dem Föhn. So verhält es sich auch in den tieferen, weniger alltäglichen Bedeutungsschichten: Alles ist durchdrungen von Entscheidungen, die in der Luft hängen, von einem Sowohl-als-auch, vom Kleben an der Vergangenheit bei gleichzeitigen Versuchen, ausschließlich nach vorn zu schauen. Man betrachtet sie gern, diese unterschiedlichen Temperamente und die bis in die Kinderrollen glänzend besetzten Schauspieler, wie sie sich durch ein Leben kämpfen, das seine Eindeutigkeiten verloren zu haben scheint, nicht nur in Patchworkfamilien. Und man sieht es dem Regisseur nach, dass er lieber Fragen stellt, als Antworten zu präsentieren. Peter Gutting


Datum: 09.12.2013

 

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