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Philomena

Zwischen Sünde und Todsünde

Für Schnulzen hat Starjournalist Martin Sixsmith eigentlich nur ein verächtliches Augenrollen übrig. Dass ausgerechnet einer wie er eine Geschichte schreiben soll, nach der sich die Kollegen vom Boulevard die Finger lecken würden, grenzt an Majestätsbeleidigung. Vielleicht ist es jedoch genau diese Abneigung gegen „Human Interest“-Storys, die nicht nur den ehemaligen BBC-Korrespondenten und Berater von Tony Blair, sondern den ganzen Film vor der Schnulze rettet. Nach dem seichten „Immer Drama um Tamara“ (2010) und dem Zockerfilm „Lady Vegas“ (2012) knüpft Regisseur Stephen Frears mit seinem neuen Film an die gefeierte Feinfühligkeit von „The Queen“ (2006) an.

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Der mittlerweile 72-jährige Altmeister des „New British Cinema“ öffnete sich schon seit den späten 1980ern für Mainstream-Trends, Hollywood-Standards und Erzählstrategien, die ein großes Publikum erreichen. Im Falle von „Philomena“ ist das ein großer Vorteil. Die skandalträchtige Geschichte über das unchristliche Gebaren der katholischen Kirche, ledigen Müttern die Kinder wegzunehmen und sie an reiche Amerikaner zu verkaufen, „schreit“ sozusagen nach einem Arthouse-Film, nach einer Dokumentation vielleicht oder einem minimalistisch erzählten Sozialdrama. Aber das würden sich sowieso nur diejenigen ansehen, die mit dem Papst wenig am Hut haben. Der Charme der freien Adaption des gleichnamigen Buches von Martin Sixsmith besteht darin, den realen Hintergrund mit beliebten Kinomustern aufzuladen: dem „Buddy“-Motiv eines ungleichen Paares, den Überraschungen eines Road-Movies und einem Humor, der aus dem Zusammenprall von „einfachen Leuten“ und Intellektuellen entspringt.

Die Figuren des Films heißen wie ihre Vorbilder in der Wirklichkeit, auch wenn die Drehbuchautoren Steve Coogan und Jeff Pope die Figur des Journalisten zynischer und arroganter zeichneten als den realen Menschen. Philomena Lee (Judi Dench) ist eine fast 70-jährige irische Katholikin, die von der Last ihrer Religion ein Lied zu singen weiß. Dass sie vor mehr50 Jahren vorehelichen Sex hatte und einen Sohn bekam, galt damals natürlich als Sünde. Das zu verschweigen und somit zu lügen, fällt aber ebenfalls in das Reich des Verbotenen. Welches nun die Todsünde und welches die kleinere Verfehlung ist, mögen die Theologen entschieden. Philomena entschließt sich jedenfalls, am 50. Geburtstag ihres zwangsadoptierten und seitdem verschollenen Sohnes Anthony die Wahrheit zu sagen. Gemeinsam mit dem gerade arbeitslosen Reporter Martin Sixsmith (Steve Coogan) reist die Mutter nach Amerika, um Anthony zu suchen.

Mit einer feinen Scheibe Humor und einem geschliffenen Sinn für dramaturgische Wendungen (Drehbuchpreis beim Festival in Venedig) konzentriert sich „Philomena“ ganz auf das Gesicht, die Körpersprache und die Schlagfertigkeit der Hauptdarstellerin. Judi Dench (James Bonds „M“) brilliert gerade deshalb in der Rolle der lebensklugen Ex-Krankenschwester, weil sie ihr Spiel so zurücknimmt. Sie trägt die Gefühle ihrer Figur nicht auf der Zunge, überrascht mit den Widersprüchen ihres Charakters und wärmt das Herz des Zuschauers mit all ihren Ecken und Kanten. Dass die eigentlich rührselige Geschichte nie ins Sentimentale abgleitet, ist zu großen Teilen das Verdienst der großartigen Darstellerin, die mit einem intensiven Blick in die Kamera den Schmerz von Jahrzehnten sichtbar macht.

Stephen Frears scheint ein Händchen für Frauenfiguren zu haben, die einem vielleicht nicht auf den ersten Blick ans Herz gewachsen sind. Für ihre Verkörperung der Queen bekam Helen Mirren den Oscar. Judi Dench hat schon einen, aber „nur“ als beste Nebendarstellerin. Mal sehen, was die Mitglieder der Academy von ihrer Leistung als Philomena halten.

Peter Gutting


Datum: 14.12.2013

 

 
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