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Like Father, like Son

Haneke auf Japanisch

Es ist nicht bekannt, ob der japanische Regisseur Hirokazu Kore-Eda „Das weiße Band“ (2009) von Michael Haneke gesehen hat. Aber selbst wenn nicht – die perfide Disziplinierung, mit der kleine Menschen zu perfekten Erfolgsmaschinen abgerichtet werden sollen, scheint zumindest in Japan noch aktuell zu sein. Jedoch hat Kore-Edas Betrachtung der früheren „schwarzen Pädagogik“ etwas voraus: Sie lässt Raum für Veränderung. Von ihr erzählt der Regisseur, streng zurückhaltend und gerade dadurch sehr berührend. Der diesjährige Gewinner des Jurypreises in Cannes startet am 26. Dezember in der Schweiz. Der deutsche Starttermin ist noch nicht bekannt.

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Ryota (Masaharu Fukuyama) ist ein erfolgreicher, gut verdienender Architekt. Er arbeitet praktisch rund um die Uhr. Und was er sich selbst abverlangt, das fordert er auch von anderen. Nicht nur von seiner Frau Midori (Michiko Ono), sondern auch von seinem sechs Jahre alten Sohn Keito. Einmal einen Tag aussetzen mit dem Klavier-Üben? Kommt gar nicht in Frage? Einen Tag bummeln heißt drei Tage schuften, um den Rückstand aufzuholen – so lautet Ryotas gnadenlose Erziehungsdoktrin.

Alles ändert sich mit einem Anruf. Völlig aus heiterem Himmel teilt das Krankenhaus mit, Keito sei bei der Geburt vertauscht worden. Die Behörden sind der Meinung, es sei das Beste, die Kinder noch vor der Einschulung „zurückzutauschen“. Doch weder Ryota und Midori noch das andere Elternpaar sind zu einer schnellen Entscheidung bereit. Vor allem für Ryota beginnt ein schmerzlicher, langwieriger, aber letztlich befreiender Selbstfindungsprozess.

Filme, die von inneren Vorgängen handeln, tun gut daran, dies nicht mit Worten, eindeutigen Gesten und verstärkender Musik in Szene zu setzen. Hirokazu Kore-Eda ist ein Meister der indirekten Zeichen, der kleinen Anspielungen und der nicht-austauschbaren Details. In klaren, oft unbewegten Bildern schafft er einen Rahmen, der im Äußeren die feinen Ziselierungen und kaum merklichen Veränderungen des Innenlebens sichtbar werden lässt.

Die Frage, ob sich die beiden Elternpaare nun für oder gegen die leiblichen Kinder entscheiden, ist dabei ein wichtiger, aber nicht entscheidender Spannungsbogen. Viel interessanter ist die Tatsache, dass sich Ryota zum ersten Mal im Leben einer Entscheidung stellen muss, die nichts mit seiner Karriere zu tun hat. So wird er gezwungen, überhaupt erst einmal hinzuschauen: zu sehen, wie verschieden Kinder sein können, wie unterschiedlich seine Frau auf die neue Situation reagiert und wie völlig anders das Leben in der anderen, der Tauschfamilie, funktioniert.

Es ist sicher ein langer Weg, den der bislang meist abwesende Vater nun vor sich hat. Er weist weit über das Ende des Films hinaus. Und dabei wird klar, was der geheime Subtext der „schwarzen Pädagogik“ war. Nämlich Distanz zu schaffen und die Gefühle des Vaterseins gar nicht erst an sich ranzulassen.

Peter Gutting


Datum: 27.12.2013

 

 
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