(tsch) Es gibt immer wieder Karrieren im deutschen Rapzirkus, die von allen möglichen Potentaten (Labels, Manager, Labelmanager) dermaßen gebrochen wurden, dass niemand mehr an eine fruchtbare Zukunft zu glauben wagte. Umso schöner, wenn dieser Regel eine Ausnahme widerfährt. Seit mehreren Sonnenwenden praktiziert die 27-jährige Rostocker Rapperin Pyranja die Politik der kleinen Schritte. Sie hatte keine andere Wahl, denn immer, wenn sie kurz davor war, es wirklich zu schaffen, verließ sie das Timing, der Mut, oder ihre Plattenfirma.
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Ihr erstes Album "Wurzel und Flügel" sollte ursprünglich auf dem Major-Riesen Def Jam Germany erscheinen, wurde aber - als das Label unrühmlich von Bildfläche verschwand - erst Jahre später (2003) auf dem verschwindend kleinen Indie "Dackel" veröffentlicht. Das Album war besser als es gemacht wurde, ebenso wie das Nachfolgewerk "Frauen und Technik" (2004). Nur hat das ebenfalls kaum jemand mitbekommen. Es gab also Gründe genug, einfach mal hinzuschmeißen, findet sogar Pyranja selbst: "Natürlich weint man mal oder will ganz aufhören. Und dann hört man einen neuen Beat und möchte sofort wieder einen Rap drauf schreiben. Wenn man es von außen betrachtet, ist das schon wahnsinnig, wie oft ich mich wieder aufrappeln musste. Aber es ist eben so in mir drin, da geht es um Leidenschaft, die gibt man nicht so schnell wieder auf."
Und dann, alle Jubeljahre mal, wird Hartnäckigkeit auch belohnt. Pyranja, die sich in der Zwischenzeit als Mitglied des Berlin Rapkollektivs "Ostblokk" künstlerisch verdingte, bekam einen Anruf, der völlig neue Kräfte in ihr freisetzen sollte. "Ich wurde von Brainpool gefragt, ob ich nicht Lust hätte, beim 'Bundesvision Songcontest' mitzumachen. Ich war völlig perplex, ich hatte immer geglaubt, man müsse sich dort bewerben. Und auf die Idee wäre ich nie gekommen." Pyranjas Vorteil: ihre Herkunft. Mecklenburg Vorpommern gilt nicht unbedingt als Brutstätte professionell veröffentlichender Musiker. Zudem hatte sie ein Repertoire vorzuweisen, welches sie Brainpool zusenden konnte. Das Material gefiel, und ein weiterer Anruf folgte, mit der Bitte, doch mal eben eine Single zu machen.
Zusammen mit ihrem langjährigen Weggefährten und State-Of-The-Art Produzenten Roe Beardie (Headrush) wurde "Nie Wieder", eine bitterböse Liebesabrechnung, Synthieabfahrt und Gitarrenkrach inklusive, aus dem Boden gestampft. "Und, oh Wunder, Brainpool mochte den Song, und damit wurde es offiziell", freut sich Pyranja ein Loch in den Bauch. Aus dem publizistischen Nichts kam die Eintrittskarte für eine der medien- und massenwirksamsten Musiksendungen im deutschen Privatfernsehen. Wenn am 9. Februar um 20.15 Uhr die ProSieben-Kameras auf Sendung gehen, werden mehr als drei Millionen Menschen ihre Augen nach Wetzlar richten, wo insgesamt 16 Bands um die Gunst des Publikums buhlen. "Man macht sich zwar ein vor Aufregung, aber natürlich macht man bei so etwas mit. Vor so vielen Menschen live zu performen - das ist das Größte, und das kann mir auch niemand mehr nehmen. Ich bin absolut dankbar für dieses Geschenk. Und selbst wenn ich auf dem letzten Platz lande: Dabe zu sein ist da schon alles, ich werde es genießen. Das nimmt mir auch die Angst. Außerdem, in dem Moment wo die WM anfängt, spricht kein Mensch mehr über den Bundesvision Songcontest."
Doch damit fing die Arbeit für Pyranja erst richtig an. "Wenn ich da schon auftrete, dann wäre es doch klug, ein neues Album zu haben, oder?" Sehr richtig. Und so wurden die Studiotüren wieder geschlossen, und Roe Beardie und Pyranja kamen erst wieder nach einigen Wochen heraus. In der Hand das neue Werk "Laut und Leise". Ein Album, welches Pyranja zurecht, als ihr bisher bestes bezeichnet. Frisch, unverkrampft, dynamisch, vielseitig und mit Beats ,die man so noch nicht gehört hat. "Es ist kein einziger klassischer HipHop-Beat dabei, da ist keine Snare auf der Vier und erst Recht keine Bass auf der Zwei. Es ist unglaublich, was Roe Beardie mir unter den Arsch gezimmert hat. Teilweise schrieb ich vier Songs an einem Tag und nahm sie gleich auf. Einige Texte habe ich um halb drei Uhr morgens eingerappt, weil es in dem Moment einfach passte. Ich ließ die Verkrampfung draußen und es einfach geschehen."
Und so erfährt die Geschichte vom rappenden Aschenbrödel eine unerwartete und vor allem glückliche Wendung. Pyranja hat nichts erwartet und eine große Chance bekommen. Was daraus entsteht, ist zweitrangig. Zumal immer noch der berufliche Zwangspessimismus Einzug hält. "Wenn am 10. Februar nur ein Prozent der Zuschauer in den Laden gehen und nur ein halbes Prozent die Platte kauft, dann bin ich das glücklichste Mädchen in Deutschland." Ein paar mehr dürfen es ruhig sein.
Daniel Köhler
Wortgewaltiger, als man denken würde: Pyranja. (Groove Attack)
Pyranja rappt beim "Bundesvision Song Contest". (Groove Attack)
Pyranja biss sich tapfer durch - obwohl ihr Weg nie einfach war. (Groove Attack)