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Detlev Buck, Regisseur

Testosteron und guter Sex

Regisseur / Schauspieler Detlev Buck

(tsch) Die "Cinema For Peace"-Veranstaltung bei der Berlinale hat Detlev Buck ein wenig befremdet. Jeder der Redner wies auf die riesig anmutenden Zahlen sterbender Kinder und Erwachsener hin. Buck sagt nicht, dass man da abstumpft. Aber die große Welt, noch dazu in Verbindung mit Showbusiness, ist dem immer herrlich unausgeschlafen wirkenden Regisseur doch irgendwie suspekt. Er wendet sich lieber den kleinen Dingen zu, guckt bei einem Einzelschicksal genau hin, wie jetzt bei seinem Großstadtfilm "Knallhart" (Start: 09.03.). Zum Interview trägt der 43-jährige Detlev Buck ein Shirt mit der Aufschrift "Neukölln" und versucht für den Berliner Stadtteil, den er gerade die Kindheit seines 15-jährigen Hauptdarstellers David Kross auffressen ließ, eine Lanze zu brechen.

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teleschau: Herr Buck, warum ist jetzt Schluss mit lustig?

Detlev Buck: Der Film ist auch lustig. Er ist schnell, und vor allem: Ausländer finden das sehr lustig. Wenn du so Betroffenheits-PC gehst, kommst du nicht weit.

teleschau: "Knallhart" ist brutal, doch letztlich hört man jetzt, sie hätten sogar untertrieben.

Buck: Mehr Blut, mehr Tränen bedeuten für mich nicht mehr Intensität. Sie führen eher dazu, dass ich als Zuschauer nicht mehr mag. Abgesehen davon geht es nicht zentral um Gewalt, der Film ist vielschichtiger.

teleschau: Das heißt ...?

Buck: Er startet realistisch, in der Mitte gibt es einen Wechsel, und "Knallhart" wird zum Genrefilm. Man darf das nicht eins zu eins übersetzt sehen. Mancher merkt den Wechsel nicht und findet das dann alles übertrieben. Aber diese Dealer und Hehler gibt es. Scorsese ist auch nicht realistisch, und eben doch auch ...

teleschau: Warum spielt der Film in Neukölln?

Buck: Der Testosteronpegel ist in Neukölln höher als in Wilmersdorf und die Hemmschwelle geringer. Aber das ist übertragbar auf jede Großstadt.

teleschau: "Testosteron", so sollte der Film ja eigentlich heißen.

Buck: Das war zu intellektuell.

teleschau: Wie war der Dreh?

Buck: In erster Linie war es Spaß. Der Dreh hatte einen guten Sex. Es gab am Abend keine Sorge um den Morgen. Ich konnte direkt sein, musste nicht um die Ecke denken oder berücksichtigen, ach, der hat gerade eine schlechte Beziehung oder huch, wir müssen das Hotel wechseln. Mein Lieblingssatz war "Das kann was".

teleschau: Die beiden jugendlichen Hauptdarsteller kommen analog zu ihren Figuren aus dem gut situierten beziehungsweise ärmeren Milieu. War da noch Platz für Inspiration, oder gab es ein fixes Drehbuch?

Buck: Natürlich verändert sich ständig noch etwas. David Kross, der Hauptdarsteller, analysierte alles sehr intelligent, hatte im rechten Moment Tränen in den Augen - und ein Gefühl für die Rolle. Meine Tochter Bernadette besitzt einen guten Blick, sie hat David im Schultheater entdeckt und übrigens auch Hans Löw, den fast zärtlichen Kommissar, ins Spiel gebracht.

teleschau: Jenny Elvers-Elbertzhagen ist ihre einzige prominente Besetzung. Wie kam es dazu?

Buck: Ich musste ein wenig Dampf reinbringen. Und Jenny kennt die Situation. Sie weiß sehr genau, was es heißt, erziehende Mutter zu sein, über 30 zu sein und vielleicht wieder rausgekickt zu werden. Es war für sie keine Rolle für nebenbei.

teleschau: Der Film bietet keine Lösungen, sehen Sie welche?

Buck: Vielleicht braucht es mehr Geld, damit die Schule ein Ort ist, an dem man reden kann, an dem nicht nur Mathe unterrichtet wird. Im Lehrerbereich sollte man die engagierten, wie meinen im Film, honorieren; und den lustlosen, ausgebrannten - die auch meine Tochter hat - hingegen Freizeit geben, damit sie Luft holen und die Frage beantworten können, ob sie den richtigen Job haben.

teleschau: Und die Familie?

Buck: Nach Hause brauchst du nicht fahren. Das sind interne Strukturen, die kannst du nicht knacken. Zu meinem Vater hätte keiner fahren brauchen, um ihn aufzuklären, dass die kleinbäuerlichen Strukturen bald den Bach runterlaufen und ich daher studieren soll. Aber ich konnte einen Fotografiekurs belegen, das war: Spaß. Aber ich bin jetzt nicht der Sozialbeauftragte ...

teleschau: Kann ihr Migrations-Drama als rassistisch missverstanden werden?

Buck: Das sind Menschen, die Schulen jahrelang nicht von innen gesehen haben, die keine Ahnung haben, das regt mich auf. Da kann ich gar nichts zu sagen.

Claudia Nitsche


Detlev Buck beim Dreh seines Großstadtfilms "Knallhart" (Start: 09.03.).
Detlev Buck beim Dreh seines Großstadtfilms "Knallhart" (Start: 09.03.). (Boje Buck Produktion)

Regisseur Detlev Buck (links) konnte sich der wahl des richtigen Hauptdarstellers, David Kross, auf das Gefühl seiner Tochter verlassen.
Regisseur Detlev Buck (links) konnte sich der wahl des richtigen Hauptdarstellers, David Kross, auf das Gefühl seiner Tochter verlassen. (Boje Buck Produktion)

Kolja Brandt (Kamera, links), Christine Rogoll (Regieassistenz), Detlev Buck (Regisseur) - am Set regierte, trotz des ernsten Themas, der Spaß.
Kolja Brandt (Kamera, links), Christine Rogoll (Regieassistenz), Detlev Buck (Regisseur) - am Set regierte, trotz des ernsten Themas, der Spaß. (Boje Buck Produktion)

Datum: 04.03.2006

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