Heath Ledger

"Ich war nervös"

Schauspieler Heath Ledger

(tsch) Er spielte einen der Gebrüder Grimm, schlüpfte in die Haut des großen Verführers Casanova und war einige Male schlicht der junge Wilde. Die Karriere von Heath Ledger kennt einige Hoch- und viele Tiefpunkte. Doch der bald 27-jährige Australier gilt nichtsdestotrotz seit Jahren als der viel versprechendste Schauspiel-Export seines Landes. Mit seiner Rolle eines schwulen Cowboys, der seinen Trieb verleugnet und daran zerbricht, ist er nun in "Brokeback Mountain" (Start: 09.03.) auf dem vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere angelangt. Die größte Herausforderung seines bisher wichtigsten Films seien aber nicht die Liebesszenen mit seinem Kollegen Jake Gyllenhaal gewesen, sondern vielmehr der von Grund auf andersartige Charakter seiner Rolle: "Ich fühle mich eher als Denker, analysiere viel und gehe oft in mich. Doch meine Rolle war das komplette Gegenteil: Ich musste mich richtig dumm stellen." Im Interview verrät der junge Vater, wie schwierig es war, einen Mann zu küssen, nimmt Stellung zu aktuellen Gerüchten und erklärt, warum er jetzt erst einmal eine Auszeit nimmt.

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teleschau: Jetzt durften Sie endlich einmal einen Cowboy spielen: Ein Traum, der erfüllt wurde?

Heath Ledger: Das würde wohl eher auf einen amerikanischen Schauspieler zutreffen. Die wachsen ja schließlich mit John Wayne und all den Westernhelden auf. Ich fühlte mich aber nie wirklich vom Cowboy-Mythos angezogen, habe auch noch nie einen Western gesehen. In meiner Heimat Australien gibt es andere wichtige Dinge.

teleschau: "Brokeback Mountain" ist mittlerweile bereits ein kulturelles Phänomen. Finden Sie es nicht merkwürdig, dass der Film eine solche Wirkung entfaltet hat?

Ledger: Es ist weniger merkwürdig als vielmehr eine angenehme Überraschung. Ich habe sowieso immer nur geringe Erwartungen an den Erfolg meiner Arbeit, speziell meiner Filme. Aber als sie den Film für meine Freundin Michelle, die meine Frau im Film spielt, und mich in New York vorführten, blieben wir noch den ganzen Abspann lang sitzen und waren einfach still und beglückwünschten uns gegenseitig, dass wir unseren Job gut erledigt hatten. Erst beim Filmfestival von Venedig, wo der Film den Goldenen Löwen bekam, merkte ich, wie positiv und emotional er vom Publikum und von den Kritikern aufgenommen wurde. Ich saß mit im Kinosaal und erlebte all die Gefühlsschwankungen der Zuschauer mit.

teleschau: Verliebten Michelle Williams und Sie sich während der Dreharbeiten?

Ledger: Wir waren schon vorher ein Paar. Ich habe mich sofort in sie verliebt, als ich sie gesehen habe.

teleschau: Wie schwierig war es dann, dem Zuschauer glauben zu lassen, dass Sie Ihre große Liebe gar nicht lieben?

Ledger: Uns beiden hat das sehr viel gegeben, weil wir wirklich schauspielern mussten in dieser Zeit. Schließlich mussten wir gegen die Realität anspielen, quasi das genaue Gegenteil darstellen. Wir hatten ordentlich damit zu tun.

teleschau: Und dann küssten Sie noch einen Mann. Was hat Michelle dazu gesagt?

Ledger: Sie ist ein erwachsenes Mädchen. Außerdem waren wir beide so vernarrt in die ganze Geschichte und wollten unseren ganz eigenen Ansichten im Film Ausdruck verleihen, dass das schon in Ordnung war. Das liebe ich an ihr: Sie ist nicht nur eine talentierte, sondern auch eine professionelle Schauspielkollegin.

teleschau: Wie waren die Liebesszenen mit Ihrem Kollegen Jake Gyllenhaal?

Ledger: Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich sei nicht nervös gewesen. Aber als wir die erste Szene gedreht hatten, war jegliche Anspannung verschwunden, und ich realisierte, dass ich nicht den Hintern eines Esels küsse, sondern ein menschliches Wesen.

teleschau: Könnten Sie sich vorstellen, sich in einen Mann zu verlieben?

Ledger: Ich kann definitiv sagen, dass ich Liebe für einen guten Freund empfinden kann. Ich kann mir also vorstellen, wie es ist, einen Mann zu lieben. Generell liebe ich große Gefühle, und wenn ich mich in ein Mädchen verliebe, dann ist es so tief und so innig, dass ich es kaum aushalten kann. Aber für einen Mann könnte ich solche Gefühle wohl dann doch nicht entwickeln.

teleschau: Was halten Sie persönlich von den Etiketten, die "Brokeback Mountain" seit seinem Festival-Erfolg angeheftet wurden?

Ledger: "Schwulen-Western" und so weiter, meinen Sie bestimmt. Wir haben uns unseren Humor erhalten und können mit diesen kurzen, knackigen Titeln umgehen. Wir wussten schließlich, wie gut der Film ist. Es steckt viel mehr dahinter als ein grelles Etikett.

teleschau: Außerdem müssen Sie mit etlichen Gerüchten zurechtkommen. Werden Sie zum Beispiel nach der Oscar-Verleihung in der Comedyserie "Will & Grace" mit Jake Gyllenhaal als schwules Pärchen auftreten, wie zu lesen ist?

Ledger: Davon höre ich das erste Mal! Es ist eine lustige Sendung, aber wer sich das ausgedacht hat, weiß wohl nicht, dass ich für ein weiteres Jahr mit der Schauspielerei pausieren werde. Ich arbeite ja bereits seit einem Jahr nicht.

teleschau: Also wollen Sie auch nicht den berühmten Hollywoodstar Rock Hudson verkörpern, der die längste Zeit seines Lebens seine Homosexualität verleugnete und an Aids starb?

Ledger: Gleich nach "Will & Grace"! (lacht) Nein, auch davon weiß ich nichts. Aber Sie könnten mein neuer Agent werden.

teleschau: Wieso pausieren Sie denn nun wirklich?

Ledger: Erst einmal wollte ich für Michelle in der Zeit der Schwangerschaft da sein und für sie sorgen. Ich kochte und räumte jeden Tag auf. Mein Tagesziel war: Michelle soll glücklich sein. Sie hatte glücklicherweise eine sehr einfache Schwangerschaft und eine reibungslose Geburt. Wir sind glückliche Eltern und haben ein gesundes Kind. Ich verstehe, dass wir in den kommenden fünf Jahren für Mathilda eine stabile Wohnsituation herstellen müssen, damit sie Freunde finden und auf eine gute Schule gehen kann. Wir werden also nicht mehr wie zuvor einfach mal irgendwohin reisen können. Daher werden Michelle und ich mit Mathilda im Huckepack demnächst Europa bereisen.

teleschau: Sind Sie ein bodenständiger Mensch?

Ledger: Zuhause ist für mich, wo meine beiden Mädchen sind. Es ist das perfekte Gefühl zu wissen, dass dort jemand auf mich wartet. Ich darf dieses Glück nicht ignorieren. Ich will die Zeit nutzen, mit meiner Familie zu leben. Auch wenn ich jetzt viele tolle Rollen angeboten bekomme: Ich muss Prioritäten setzen.

teleschau: Sie wurden oft für Teenager-Komödien ausgewählt. Versuchen Sie nun, von Ihrem Image loszukommen?

Ledger: Es hat mich nie gestört, in solchen Filmen aufzutreten. Außerdem bin ich vor der Kamera erwachsen geworden und wähle meine Rollen mittlerweile nach anderen Gesichtspunkten aus. Ich schaue grundsätzlich nicht zurück und schäme mich für nichts, was ich getan habe. Wenn ich etwas bereuen würde, weil es finanziell oder künstlerisch nicht erfolgreich war, dann würde ich jetzt hier nicht sitzen und mit Ihnen sprechen. Schließlich habe ich jeder Rolle viel zu verdanken, weil sie meine Schauspielschule waren - und immer noch sind. Jeder Fehler hat mich weitergebracht. Ich habe mich bewährt.

teleschau: Mittlerweile werden Sie von Homosexuellen als neue Gallionsfigur gefeiert.

Ledger: Das ist okay für mich. Schließlich bin ich damit in guter Gesellschaft: Ich habe mir sagen lassen, dass auch Barbra Streisand einen solchen Status hat. Ich werde aber keine Extra-Vorstellungen geben. (lacht)

teleschau: Wie gehen Sie mit Ihren Fans um?

Ledger: Ich habe keine Beziehung zu ihnen. Das ist nicht böse gemeint. Aber ich möchte gar nicht erst anfangen, die ganzen Briefe und E-Mails zu lesen. Ich weiß nicht einmal, wo all das landet. Ich bin nicht der Typ, der das liest und zurückschreibt. Schließlich können Schmeicheleien eine genauso zerstörerische Wirkung haben wie Kritik ...

teleschau: ... aber Sie gehen kritisch mit sich selbst um?

Ledger: Selbstkritik ist wichtig für mich. Wenn ich meine Fehler nicht erkennen und verstehen würde, könnte ich gleich aufhören. Außerdem: Niemand würde mir meine Fehler ins Gesicht sagen, auch wenn ich der berühmteste und beste Schauspieler von allen wäre. Es wird viel getuschelt, aber konstruktive Kritik und Ehrlichkeit kann ich mir nur selbst bieten.

Leif Kramp

Legt erst einmal eine schöpferische Pause ein, um sich seiner jungen Familie zu widmen: Heath Ledger.
Legt erst einmal eine schöpferische Pause ein, um sich seiner jungen Familie zu widmen: Heath Ledger. (Tobis)
Für seine Rolle in dem Western "Brokeback Mountain" erhielt Heath Ledger eine Oscar-Nomninierung.
Für seine Rolle in dem Western "Brokeback Mountain" erhielt Heath Ledger eine Oscar-Nomninierung. (Tobis)
Jake Gyllenhaal (links) und Heath Ledger spielen die Hauptrollen in Ang Lees "Brokeback Mountain".
Jake Gyllenhaal (links) und Heath Ledger spielen die Hauptrollen in Ang Lees "Brokeback Mountain". (Tobis)

Datum: 04.03.2006

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