logo
Anzeige
Knallhart

Knallhart

(tsch) So schnell kann's gehen. Da zieht man ein paar Kilometer weiter östlich, und schon ist man als 15-Jähriger in eine bedrohlich fremde Welt geworfen, in der es nur um eines geht: ums Überleben. Michael Polischka wohnt jetzt in Neukölln - wie es ihm dort geht, zeigt Detlev Buck in seiner Romanadaption "Knallhart". Ein Großstadt-Film, in dem es weniger zu lachen gibt, als man es vom Regisseur smarter Komödien wie "Männerpension" und "Wir können auch anders" bisher gewohnt war.

Anzeige

 

Sehgewohnheiten müssen gebrochen werden, wir müssen die Augen aufmachen, meint Buck, hinschauen. Er ist mit seiner fiktiven Fallstudie, die Befindlichkeiten Jugendlicher auszuleuchten, nicht der Erste. "Kombat Sechzehn" schickte vor neun Monaten einen Jungen von Frankfurt/Main nach Frankfurt/Oder, vergangenes Jahr zur Berlinale stellte Robert Thalheim seinen Berlin-Film "Netto" dem Publikum vor.

Die Väter spielen dabei eine große Rolle, und der fehlt bei Polischka (David Kross), er lebt nur mit seiner Mutter (Jenny Elvers-Elbertzhagen) zusammen - nach dem Rausschmiss bei ihrem reichen Lover neuerdings in einer heruntergekommenen Bude in Neukölln. Das mit dem "erziehungsberechtigt" sieht Miriam als fakultativ an, ist sie doch viel mehr damit beschäftigt, ihr Alter zu kaschieren und in dem Zusammenhang die Frage zu klären, ob man Anfang 30 noch taugliche Lebenspartner abbekommt. Darüber vergisst man schon mal, dass der Sohn gerade in eine harte Schule geht, oder besser: durch eine harte Schule muss.

Mit Neuentdeckung David Kross ist Buck ein Glücksgriff gelungen, oder genauer gesagt, seiner Tochter. Die hat den Schüler nämlich in der Theatergruppe entdeckt. Die Kamera weicht nicht von seiner Seite, bleibt immer auf sein Gesicht gerichtet, dem man so wenig Emotion ansieht. Er wirkt weich, geduldig. Michael ist nicht dumm. Doch Intelligenz zählt nicht, wenn Erol (Oktay Özdemir) und seine Gang Schläge androhen. Es gibt Prügel, oder Geld und Wertgegenstände werden gleich abgeliefert.

Nach einer kurzen Leidensphase hat Polischka mehr Glück als Verstand. Zumindest beurteilt er die Chance, für den Drogendealer Hamal (Erhan Emre) zu arbeiten, so. Seine Naivität schleust ihn durch Gefahren. Er entschlüpft sehr schnell den Kinderschuhen, das lässt sich an Bildern festmachen; er steigt auf das neueste und teuerste Paar Sneakers um, doch der Luxus währt nicht lange.

Die Schuhe, in denen der 15-Jährige Drogengeschäfte erledigt, werden größer und größer. "Knallhart" ist eine Geschichte, bei der man von Anfang an weiß, dass sie nicht gut ausgehen wird. Das Beklemmende daran: Man erkennt weder rechts noch links von der Handlung einen wirklichen Ausweg. Was zum Teufel wäre eine Alternative? Die Rolltreppe kann nur abwärts führen.

Nicht nur für David Kross ist dieser Film eine große Chance, er ist es auch für Jenny Elvers-Elbertzhagen, die als egozentrische, aber keineswegs gefühllose Mutter einen sehr guten Eindruck hinterlässt. In Zusammenarbeit mit einem Lehrer hat Buck die Klassenzimmer-Szenen erarbeitet. Sie sind das Realistischste geworden, was man in diesem Bereich bisher im Kino zu sehen bekam. Realismus ist überhaupt das zentrale Thema. Nicht allgemeingültig, natürlich exemplarisch. Die Figuren werden aus dem Nichts in einen Stadtteil gespuckt, der durch Tristesse Toujours seine Farben verloren hat, auf Straßen, die wie Rolltreppen wirken.

Polischka läuft, meist lässt er sich treiben, der Zuschauer lernt seine minimalistischen Gesten zu deuten. Manches erklärt auch die Musik, sie ändert sich schnell, ist so multikulturell wie die Menschen dort in Berlin. Erstaunlich, dass sie immer richtig platziert wirkt und die Stimmungen nicht an die Wand klatscht, sie mit Understatement trifft. Ein Schläger Erol bleibt nicht gesichtslos, er bekommt einen Background. Wenn Nebenfiguren überzogen wirken, bleiben sie glaubwürdig, weil am Kiez bizarre Typen zusammentreffen und Bucks Figuren immer in der Möglichkeitsform stehen.

Vielleicht gelten für das Gelingen eines Dramas ähnliche Voraussetzungen wie für die Drogenkarriere. Polischka hat so ein ehrliches Gesicht, deswegen bekam er den Job als Kurier. Dieses ehrliche Gesicht und die vielen kleinen Kniffe des erfahrenen Regisseurs lassen "Knallhart" gelingen. Lediglich am Anfang gönnt sich Buck einen theatralischen Einstieg, der im Nachhinein gar nicht zum restlichen Films passen will, aber immerhin Aufmerksamkeit weckt und die Figuren scharf skizziert. Zum Schluss verweilt er kurz in einer gefühlvollen Pause gegengeschlechtlicher Harmonie, die er aber letztlich nur zum Erreichen der endgültigen Fallhöhe benötigt. Im ersten Moment befremdend, dann verzeihlich. Wie auch das Ende des Films?

Claudia Nitsche

Credits:
V:Delphi Filmverleih, D 2006, R: Detlev Buck, D: Jenny Elvers-Elbertzhagen, Jan Henrik Stahlberg, David Kross u.a.

Laufzeit: 98 Min.

Kinostart:
09.03.2006


Michael Polischka (David Kross) rutscht in die illegale Szene Neuköllns ab.
Michael Polischka (David Kross) rutscht in die illegale Szene Neuköllns ab. (Delphi Filmverleih / Boje Buck Produktion)

Miriam Polischka (Jenny Elvers-Elbertzhagen) und ihr Sohn Michael (David Kross) müssen ihr nobles Domizil in Berlin-Zehlendorf aufgeben.
Miriam Polischka (Jenny Elvers-Elbertzhagen) und ihr Sohn Michael (David Kross) müssen ihr nobles Domizil in Berlin-Zehlendorf aufgeben. (Delphi Filmverleih / Boje Buck Produktion)

Lisa (Amy Mußul) kümmert sich liebevoll um Michaels (David Kross) blutige Nase.
Lisa (Amy Mußul) kümmert sich liebevoll um Michaels (David Kross) blutige Nase. (Delphi Filmverleih / Boje Buck Produktion)

Datum: 04.03.2006

Facebook aktivieren

Diskussion: "Knallhart"

Um eine Diskussion zu "Knallhart" zu beginnen melden Sie sich bitte im Forum an. Wenn Sie noch nicht registriert sind, können sie sich jetzt registrieren um an den Diskussionen teilzunehmen.
Artikel ID 166260

 
Anzeige
livedome
Konzert-DVD im Stream
Gentleman
Gentleman am 27.04. ab 20.00 Uhr als » Musikstream

Anzeige
.
Partner von Fantastic Zero


itemid = 31 - id = 973 - task = view - option = com_content - limitstart= 0