Für die Berliner Boulevardpresse war Bai Ling ein gefundenes Fressen. Die Schauspielerin stellte bei der Berlinale 2005 nicht nur ihren Film "Dumplings - Delikate Versuchung" (2004) vor, sondern war auch Mitglied der Jury und trug gerne Kleider, die mehr zeigten als verhüllten. Die "Berlinackte" - danke "Bild" - bewies bei ihrem geschickt inszenierten Körperkult ein gewisses Gespür für Ironie. Denn im schockierenden Publikumsliebling der Filmfestspiele ging es nur um Äußerlichkeiten - um den Schönheitswahn der modernen Gesellschaft und all seine abartigen Auswüchse.
Das Perfide dabei war, dass der (horror)märchenhafte Film als Dokumentation der nach ewiger Jugend lechzenden Gesellschaft durchgehen könnte. "Natürliche Schönheit kommt von innen", hieß es in einem Werbespot für Anti-Aging-Kapseln - der Slogan wird von Regisseur Fruit Chan ins Eklige potenziert. Wer sich die jetzt erhältliche Doppel-DVD ansehen will, sollte auf jeden Fall keinen allzu vollen Magen haben und auch auf Knabberzeug verzichten.
Eines ist "Dumplings" auf jeden Fall: geschmacklos. Der Film erzählt die Geschichte von Frau Li (Mirium Yeung), die als Frau eines reichen Beau (Tony Ka-Fei Leun) nicht nur nicht viel zu lachen hat, sondern sich auch alt und nutzlos fühlt. Also geht sie zu Mei, der Köchin (Bai Ling). Die ist im Grunde schon weit über 60, zumindest lassen zahlreiche Fotos darauf schließen. Doch sieht die moderne Hexe aus wie 20, und das gefällt nicht nur dem Zuschauer, sondern vor allem Frau Li, die für eine möglichst schnelle Verjüngungskur alles tun würde.
Und dann kommt der Ekel. Schleimend und schmatzend. Eingehüllt in eine zarte Teighülle serviert die Köchin menschliche Embryonen, die Frau Li mit immer größerem Appetit verschlingt. Die einzige Frage, die sie sich stellt ist: Welches menschliche Rohmaterial ist am wirkungsvollsten für die Erhaltung der Jugend? Diese Frage ist essenziell, wenn die Expertin über die Durchschlagskraft ihrer Therapie spricht. Das bizarre Kochduell zwischen Mei und Frau Li, die am Ende selbst den Kochlöffel schwingt, spielt mit irrealem Horror und ist doch so fern dem Alltag nicht.
"Dumplings" karikiert das Streben nach immer wirkungsstärkeren Kosmetika und den neu erwachsene Hang zum "Functional Food"aufs Abscheulichste. Fruit Chan beweist eine enorme Präzision in seinem moralischen Urteil: Wer das Leben nicht als solches akzeptieren kann, wird unfraglich zum Mörder - vor allem seiner selbst. Übrigens: Am wirkungsvollsten sind etwa sechs Monate alte Föten.
Der von Kameramann Christopher Doyle in kühlen Farben gefilmte Alltagshorror besticht auf der DVD mit exzellentem Bildtransfer. Außergewöhnlich scharf und kontrastreich, haben die Bilder einen fast surrealen Charakter, der von keinerlei Störungen geschmälert wird. Dazu passend wurde auch viel Wert auf eine ausgefeilte Tonspur gelegt. Die Atmosphäre ist raumfüllend bedrohlich, auch ohne knallende Soundeffekte. Aus den Surroundboxen kommen vielmehr stimmige Hintergrundgeräusche und ein teilweise beängstigender Soundtrack. Die deutsche Sprachversion gibt es zusätzlich als DTS-Track, der allerdings der normalen 5.1-Variante nicht viel Neues hinzufügt.
Ein Sonderlob verdient sich die Sonderausstattung. "Dumplings" wird als opulente Doppel-DVD veröffentlicht. Die Zusatz-Disc enthält unter anderem die 35-minütige Kurzversion des Hauptfilms, die im Rahmen des des Projekts "Three Extremes" entstand und erst später abendfüllend ausgebaut wurde. Dem durchschnittlichen Making Of stehen zwei Interviews mit Bai Ling gegenüber, in denen die Aktrice beweist, dass sie, anders als von der Boulevardpresse dargestellt, viel mehr als nur ein hübsch anzusehender Kleiderständer ist.
Claas Nielsen
bewertungsbox
bildformat
1,85:1 (anamorph)
sprachen
Deutsch (DTS / 5.1), Chinesisch (5.1)
untertitel
Deutsch
extras
Kurzfilm "Three Extremes: Dumplings"; Interviews mit Bai Ling; Making Of; Bildergalerie; Bio- und Filmografien (Text)
laufzeit
87 Min.
tonsystem
Dolby Digital
regionalcode
Regionalcode 2
preis
ca. 20 Euro
bewertung bild
gut
bewertung ton
gut
bewertung extras
gut
Credits: (HK 2004, R: Fruit Chan, D: Bai Ling, Tony Ka-Fai Leung, Miriam Yeung u.a.)
Bai Ling kocht in "Dumplings - Delikate Versuchung" alles, was Verjüngung verspricht - vor allem menschliches Fleisch. Die Doppel-DVD ist nichts für schwache Gemüter und erhielt keine Jugendfreigabe. (e-m-s)
Mei ist eine moderne Hexe, die mit mehr als 60 Jahren immer noch wie 20 aussieht und von Schauspielerin Bai Ling mit diabolischer Lust gespielt wird. (e-m-s)
Schmatzend schöner: Frau Li (Miriam Yeung) erhofft sich vom Genuss der mysteriösen Teigtaschen einen Verjüngungseffekt. (e-m-s)