Die Kunst verliebt zu sein
Die Wahrheit kennt nur der Tod
(tsch) Er muss sich ein bisschen wie in einem Kafka-Roman vorgekommen sein. Eines Tages, irgendwann in den 70er-Jahren, wird der 23-jährige Christian Ranucci (Alexandre Hamidi) verhaftet, ohne dass er sich einer besonderen Schuld bewusst ist. Zunächst wird ihm gesagt, es drehe sich um Ermittlungen zu einem Autounfall. Doch schnell wird klar, dass es um weitaus mehr geht: Christian wird verdächtigt, ein achtjähriges Mädchen getötet zu haben. Der französische Fernsehfilm "Die Wahrheit kennt nur der Tod", den das bayerische Fernsehen nun als TV-Premiere zeigt, rollt eine wahre Begebenheit von 1974 auf.
Als Christian auf dem Polizeirevier erstmals mit den Vorwürfen konfrontiert wird, spricht tatsächlich vieles gegen ihn. Zur Tatzeit befand er sich in der Nähe des Tatorts, mit seinem Peugeot 304 Coupé stieß er gegen einen anderen Wagen und beging Fahrerflucht. Offenbar stark angetrunken verbrachte er anschließend mehrere Stunden auf einer nahe gelegenen Champignonzuchtfarm.
Zwar sind Indizien noch keine Beweise, doch die Medien hetzen gegen den 23-jährigen Tatverdächtigen, die Stimmung im Land ist hysterisch. Als die Polizei schließlich zwei angebliche Zeugen präsentiert, bricht Ranucci nach mehrstündigem Verhör zusammen und gesteht den Mord. Trotzdem ist seine Mutter Heloise (großartig: Catherine Frot) fest von der Unschuld ihres Sohnes überzeugt. Sie beauftragt den Staranwalt Maître le Pantier (Cyril Descoursmit) mit dessen Verteidigung und beginnt selbst zu ermitteln.
Dabei stößt sie auf zahlreiche Widersprüche. Die zwei Belastungszeugen konnten Christian bei einer ersten Gegenüberstellung mit mehreren Männern nicht identifizieren. Erst als er ihnen unerlaubterweise ein weiteres Mal allein vorgeführt wurde, glaubten sie, ihn zu erkennen. Der sechsjährige Bruder des Opfers und ein Kfz-Mechaniker hatten das Mädchen außerdem in einen grauen "Simca" und nicht etwa in Christians Peugeot einsteigen sehen. Doch entlastende Indizien werden vom Gericht unter den Tisch gekehrt. Die aufgebrachte Menge vor dem Saal fordert Vergeltung ...
Christian Ranucci wurde 1976 in einem nur eintägigen Prozess vor einem Geschworenengericht in Aix-en-Provence zum Tode verurteilt und bereits vier Monate später - als drittletzte Person in Frankreich überhaupt - hingerichtet. Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing hatte zuvor einen Gnadengesuch abgelehnt.
Wie die meisten anderen Arbeiten zu dem Thema kommt Regisseur Denys Granier-Deferre in seinem Drama zu dem Schluss, dass Christian nach den vorliegenden Beweisen nicht hätte verurteilt werden dürfen - erst recht nicht zum Tode. "Blut wäscht man mit Tränen ab, und nicht mit Blut", sagt Heloise am Ende eines bewegenden Films.
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