Das virtuelle Gesamtdelmenhorst
Band Element Of Crime
(tsch) "Wo die Neurosen blühen, möchte ich Landschaftsgärtner sein" ist die Textzeile, die das Wirken von Element Of Crime vielleicht am besten beschreibt. Seit 20 Jahren ist die Popband mit Bremer und Berliner Wurzeln im Geschäft - und veröffentlichte mit "Weißes Papier" und "An einem Sonntag im April" zwei der schönsten deutschsprachigen Alben der letzten Jahre. Sven Regener und seine Mannen sind nun zurück. Am "Mittelpunkt der Welt" (Charteinstieg diese Woche auf Nummer fünf) haben sie sich eingefunden, um ihre abermals liebevoll-schnoddrigen und immer etwas antiquiert klingenden Lieder zu zelebrieren. Sänger und Bestseller-Autor Sven Regener ("Herr Lehmann", "Neue Vahr Süd") und Schlagzeuger Richard Pappik erklären das genauer.
teleschau: Lang ist's her, seitdem "Romantik" erschienen ist. Zu lange?
Richard Pappik: Nein, wir waren in der Zwischenzeit ja durchaus beschäftigt. Ich mit meiner Musik, mit anderen Projekten. Und Sven natürlich mit dem Buch. Außerdem sind die Zeiten, in denen wir pünktlich zum Osterläuten mit einem neuen Album in den Läden stehen, einfach vorbei. So etwas kann man nicht ewig durchhalten, weil da ja immer noch ein Rattenschwanz dranhängt. Promo, Video und so weiter. Es ist eine sehr angenehme Sache, diesen Turnus einmal zu verlassen.
Sven Regener: Da ist man auch irgendwann an einem Punkt angelangt, der eine Überdosis Öffentlichkeit bedeutet. Und: Man soll sich ja von Zeit zu Zeit überlegen, ob man Musik macht, weil man das wirklich möchte, oder nur deshalb, weil einem gerade nichts Besseres einfällt.
teleschau: Beflügelt so eine lange Pause?
Pappik: Ja, man wollte wieder. Man hatte Lust.
Regener: Das war schon ein geiles Gefühl. Endlich wieder im Proberaum, endlich wieder da, wo man hingehört. Endlich wieder Lieder schreiben. Und das zu fühlen, das ist wichtig. Für mich besonders: Mein ganzes, erwachsenes Leben lang habe ich Element of Crime gemacht. Das ist der größte Teil von mir.
teleschau: Wo seht ihr "Mittelpunkt der Welt"? Was macht die Platte für Euch aus?
Regener: Ich denke, das ist die Platte, die am deutlichsten zeigt, dass das, was Element Of Crime machen, eine Art von Folkrock ist. Wir sind am Anfang unserer Laufbahn oft mit Bob Dylan verglichen worden, wogegen ich mich damals natürlich immer gewehrt habe. Aber dieser Ansatz, der ist da. Und der wird deutlicher, was sehr stark an der Instrumentierung und sehr stark am Songwriting liegt. Die Platte ist gleichzeitig sehr amerikanisch, was in dem Fall aber vor allem bedeutet: offen für alle Möglichkeiten, die man hat. Mexikanische Trompeten? Kein Problem! Akkordeon? Kein Problem!
teleschau: Manchmal erinnert's an Calexico - zum Beispiel die Bläser in "Delmenhorst" ...
Regener: Ja, genau! Folkrock halt. Super Begriff, schön, dass ich nach 20 Jahren endlich eine Kategorisierung gefunden habe. Die reite ich jetzt tot.
teleschau: Warum "Delmenhorst" als erste Single, warum überhaupt als Inhalt eines Songs?
Pappik: Na versuch' mal, Castrop-Rauxel zu singen ...
Regener (lacht): Es ist ein Liebeslied, eigentlich eine Verlängerung des Lieds "Weißes Papier", in dem es am Ende heißt: "Am liebsten wäre ich auf einem anderen Stern". Und da kommt eben Delmenhorst ins Spiel. Das ist ein Ort, den man als Bremer - das ist ja die angrenzende größere Stadt - gar nicht auf der Rechnung hat, wo aber die meisten Leute leben. Es handelt sich aber im Lied natürlich um eine Art virtuelles Gesamtdelmenhorst. So etwas hat jeder, so einen Ort. Ich war übrigens das letzte Mal vor 24 Jahren dort, auch wenn ich durchaus biografische Verbindungen dahin habe. Aber entscheidend ist das Wort, der Klang. Wir klopfen ja Songtexte immer nach ihrer Bedeutung, nach ihrem Sinn ab. Darum geht's aber nicht ausschließlich.
teleschau: Trotzdem, Deine Liebe zur Verortung fällt auf. Jedes Lied auf der neuen Platte hält sich irgendwo auf. Woran liegt's?
Regener: Das macht Spaß, das schafft Bilder. Wenn ich von der Straßenecke singe, an der die alten Männer stehen, dann hat jeder sofort etwas vor den Augen. Entweder etwas sehr Wirkliches; etwas, das er kennt. Oder eben eine Straßenecke, die er sich vorstellt. Wichtig ist, dass jeder an etwas anderes denkt. Das ist auch in der Literatur so, und auch in der Kunst: Man gibt etwas vor. Und da ist einer am anderen Ende, der macht in seinen Gedanken etwas daraus. Es gibt eine Unschärfe, die sich jeder auf individuelle Art und Weise scharf stellt.
teleschau: Literatur ist ein gutes Stichwort. War es für Dich ein seltsames Gefühl, mit den beiden Büchern plötzlich in einem völlig anderem Umfeld tätig zu sein?
Regener: Das sind zwei völlig verschiedene Welten. Und um da gut und erfolgreich agieren zu können, hatte ich mir Leute gesucht, die da drinnen sind, die sich in diesem ganzen Bücherbetrieb auskennen. Ich wollte das auch strikt trennen: Der Sänger von Element Of Crime hat mit dem Autor von "Herr Lehmann" nicht so viel zu tun, wie die meisten denken. Es hat mir auch beim Verfassen meiner Bücher nicht geholfen, dass ich schon eine ganze Menge Lieder geschrieben hatte. Und umgekehrt ist das genauso. Aber einige Dinge, die ähneln sich schon. Auch wenn die Umgangsformen bei den Verlagen etwas seriöser sind - da wird auch so manches Bier weggezischt, gerade auf der Buchmesse (lacht).
teleschau: Der signifikanteste Unterschied?
Regener: Bei Interviews zu meinen Büchern werde ich konsequent gesiezt. Wenn's um die Musik geht, ist's immer das Du. Aber dann geht's um Rock'n'Roll. Und dann ist das auch richtig.
Jochen Overbeck |  Am "Mittelpunkt der Welt" wächst hohes Gras: Element Of Crime. (Foto: Universal)
 Element Of Crime singen auf ihrem neuen Album über Delmenhorst und ganz alltägliche Neurosen. (Foto: Universal)
 Landschaftsgärtner? Folkrocker? Egal. Element Of Crime haben mit "Mittelpunkt der Welt" ein ausnehmend schönes Album aufgenommen. (Foto: Universal)
 "Eine Art von Folkrock": Element Of Crime sind zurück. (Foto: Universal)
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