Polly Blue Eyes
Grelle Komödie über den Neuanfang eines jungen Mädchens, das aus dem Gefängnis entlassen wird.
V:NFP, D 2004, R: Tomy Wigand, D: Ulrich Noethen, Susanne Bormann, Matthias Schweighöfer u.a.
Hip um jeden Preis
(tsch) Ein starker Anfang: Der Tag, an dem Polly aus dem Gefängnis entlassen wird, ist da. Die Luft riecht anders, das Leben geht weiter. Dann passiert etwas, das die ganze Freude eindampft. Draußen stellt sie fest, dass ihr permanent Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, wo sie doch versucht, alles besser zu machen. Doch das ist nicht das Problem in Tomy Wigands "Polly Blue Eyes".
Von wegen "Welcome to the real world". Es ist mehr so ein Hallo im Tollhaus, als würden Tick, Trick und Track mal wieder zu ihrem chaotischen Onkel Donald müssen. Was für eine überkandidelte Show, die Meret Becker da liefern muss: Die zuckergussartige Schminke bis zu den Ohren aufgetragen, stakst sie auf der Leiter herum, um Girlanden zu dekorieren. Da wirft ihre Älteste (Maxi Warwel) ein, dass Polly (Susanne Bormann) nicht mal die neue Adresse kennen würde und Meret Becker guckt dumm. Ach, auf diesem Niveau sind wir hier gelandet. Das soll jetzt lustig sein.
Während Polly Burger genießt und Jungs provoziert, laufen die Eltern gegen jede Wand und geben sich aufgrund ihres Intellekts unenttäuschbar. Immer rein in die gute Stube, wenn schon Polly den Weg nicht findet, dann nimmt der Papa (Ulrich Noethen) eben den Typen mit, dessen Imbissbude er mal wieder nicht ausgeraubt hat. Dieser Horst, der Ronny heißt, baggert erst die Mutter, dann deren Tochter an und entscheidet sich beim Beischlaf mit der Jüngeren aufgrund eines Fotos für Nesthäkchen Polly, was er immer wieder mit den Worten "Dich krieg' ich" untermauert. Na, das ist doch mal eine verrückte Szene. Aber es kommt noch wilder.
Er möchte seine neuen Freunde von der Idee überzeugen, einen Getränkemarkt zu überfallen, um das Geld als Startkapital für Alu-Fertighäuser zu investieren. Matthias Schweighöfer balanciert zwar mit viel Spaß, aber ebenso enervierend an der Grenze zum Overacting. Zumindest legt er eine formidable Karaoke-Szene hin, während sich Maxi Warwel damit zufrieden geben muss, Meret Beckers Abbild zu spielen. Susanne Bormann hält als Einzige an der eigentlichen Geschichte fest, die schon nach wenigen Minuten keinen mehr interessiert. Polly wollte ja einen Job und eine Wohnung.
Der Vollständigkeit halber sei noch Sebastian Ströbel erwähnt, der den sensiblen Jungpolizisten spielt, der ihre Seele retten will und somit, ohne dass er viel dafür kann, die Glaubwürdigkeit der Story noch weiter strapaziert. Noethen plagt sich als einziger Lichtpunkt in dieser Szenerie ab, gönnt sich und seiner Polly wenige menschliche Momente und versucht zu verhindern, dass das Ganze in eine Farce abgleitet. Aber vielleicht beabsichtigte Tomy Wigand die ja. Der Regisseur von "Fußball ist unser Leben" überhöht, doch er hat keine Ahnung, in welche Richtung. Er zeichnet seelenlos plumpe Comic-Charaktere, vergisst aber, was das eigentlich soll und lässt seine Hauptdarstellerin, die sich um Ernsthaftigkeit bemüht, am Straßenrand stehen.
"Polly Blue Eyes" ist nichts weiter als eine Aneinanderreihung bunter Szenen. Mitunter sind die Bilder hübsch arrangiert. Doch sie schießen, um Style bemüht, immer wieder übers Ziel hinaus. So klebt in der prolligen Wohnung der Eltern eine Retro-Tapete aus dem Sortiment, das der Baumarkt von Welt derzeit für seine von den Seventies angetanen Kunden bereit hält. Das ist genauso glaubwürdig, wie die Tatsache, dass Polly ein sündhaft teures Paul-Frank-Shirt im Knast trägt. Nach einem Jahr voller positiver Überraschungen im deutschen Film ist dieser gefühlskalte Erguss wieder mal eine echte Enttäuschung, bei der fast ausnahmslos gute Schauspieler verheizt werden.
Claudia Nitsche |  Nach ihrem Gefängnisaufenthalt will Polly (Susanne Bormann) ein neues besseres Leben beginnen. (Foto: Equinox Film GmbH)
 Pollys Vater Herbert (Ulrich Noethen) plant den Überfall auf eine Imbissbude. (Foto: Equinox Film GmbH)
 Mit dem Verkauf von Fertigbauhäusern erhofft sich Ronny (Matthias Schweighöfer) das große Geschäft. (Foto: Equinox Film GmbH)
 Polly (Susanne Bormann) hält ihre kriminelle Vergangenheit vor ihrem neuen Freund, dem Polizisten Stefan (Sebastian Ströbel), geheim. (Foto: Equinox Film GmbH)
|